Innen-Titelblatt der 8-bändigen Taschenbuchausgabe des Immaculata-Verlages, CH-9050 Appenzell:


MYSTISCHE
STADT GOTTES

Wunder Seiner Allmacht und Abgrund der Gnade:

HEILIGE GESCHICHTE UND LEBEN

der jungfräulichen Gottesmutter

MARIA

Unserer Königin und Herrin, Sühnerin der Schuld Evas
und Mittlerin der Gnade,
in diesen letzten Zeiten von derselben Königin geoffenbart

ihrer Dienerin,
DER SCHWESTER MARIA
VON JESUS

Äbtissin des Konventes der Unbefleckten Empfängnis
in der Stadt Agreda, Provinz Burgos,
von der regularen Observanz des hl. Seraphischen Vaters

Franziskus,

zur Erleuchtung der Welt, zur Freude der katholischen Kirche
und zum Troste der Sterblichen.


EINLEITUNG

zum

LEBEN DER HIMMELSKÖNIGIN

(Von der ehrwürdigen Verfasserin)

Gründe, warum dieses Leben beschrieben wurde,
nebst anderen einschlägigen Bemerkungen.

1. Wenn eine schlichte Frauensperson, zumal ich, welche ihrer Stellung und Anlage nach die Unwissenheit und Gebrechlichkeit selber, ihrer Sünden wegen aber die Unwürdigste von allen ist, von übernatürlichen, göttlichen Dingen zu schreiben sich erkühnt, so wird, wer es erfährt, mich wohl ohne weiteres der größten Vermessenheit, Unbesonnenheit und Hoffart beschuldigen. Ein solches Urteil würde um so mehr gerechtfertigt erscheinen, als unsere Mutter, die heilige Kirche, in diesen letzten Zeiten Überfluß hat an Geisteslehrern und anderen hochgelehrten Männern und überdies an der Lehre der heiligen Väter und Lehrer der Kirche die reichsten Schätze der Wahrheit besitzt. Dazu kommt noch ein anderer Umstand, welcher mein Unternehmen gleichfalls als höchst unpassend erscheinen lassen könnte, der Umstand nämlich, daß es unter denen, die ein geistliches Leben führen, heutzutage gar manche, sonst kluge und verständige Personen gibt, welche im Drange eines gewissen heiligen Eifers sich abgestoßen und gleichsam angeekelt fühlen, wenn sie von einem außergewöhnlichen Wege des geistlichen Lebens hören, von einem Wege, der in den Augen der Welt als verdächtig, ja als der gefährlichste von allen erscheint. Ich würde mich darum nicht wundern, wenn jemand, der mein Unternehmen nach dem ersten Eindruck und ohne weiteres Nachdenken beurteilt, mich der Vermessenheit beschuldigte. Allein in dem Werke selbst und in der Tatsache, daß ich es unternehme, mag man auch die Entschuldigung enthalten finden. Denn dasselbe enthält so erhabene, über all unser Begreifen und über alle menschlichen Kräfte hinaus liegende Dinge, daß ein Versuch, dieselben darzustellen, entweder in gänzlichem Mangel an Urteil, oder aber in dem Antriebe und der Wirkung einer höheren, mächtigeren Ursache seinen Grund haben muß.

2. Als gläubige Kinder der heiligen Kirche müssen wir bekennen, daß sterbliche Menschen allzu schwach, unwissend und unberedt sind, um mit bloß natürlichen Kräften, ja selbst mit dem bloß gewöhnlichen und allgemeinen Beistande der Gnade eine so schwierige Aufgabe zu lösen, wie es die Erklärung und Beschreibung der verborgenen Geheimnisse und erhabenen Auszeichnungen ist, welche der mächtige Arm des Allerhöchsten in Maria gewirkt hat, in Maria, sage ich, jenem Geschöpfe, das Gott zu seiner Mutter erheben wollte und das er eben deswegen zu einem unermeßlichen Meere seiner Gnade und seiner Gaben und zum Inbegriff der unendlichen Schätze seiner Gottheit gemacht hat. Und was ist es Großes, wenn unsere menschliche Unwissenheit und Gebrechlichkeit sich hiezu unfähig bekennt, da selbst die englischen Geister ein Gleiches tun und bekennen, daß sie nur zu stammeln vermögen über Dinge, die ihre Gedanken und ihre Fassungskraft weit übersteigen! Das Leben dieses ganz einzig begnadeten Geschöpfes Gottes ist darum ein Buch, so verschlossen, daß kein Geschöpf weder im Himmel noch auf Erden dasselbe zu öffnen würdig wäre. Offenbar kann dies nur derjenige tun, der diese Kreatur herrlicher als alle anderen Kreaturen erschaffen hat, der allmächtige Herr, und sodann auch die Herrin selber, unsere Königin und Mutter, die da fähig war, so unaussprechliche Gaben zu empfangen, und würdig, sie zu erkennen. In ihre Hand ist es auch gegeben, Werkzeuge zu erwählen, welche fähig und am meisten geeignet sind, zu ihrer Ehre jene Gaben zu offenbaren, inwieweit, wann und wie es ihrem eingebornen Sohne wohlgefällig ist.

3. Gerne wollte ich glauben, solche Werkzeuge seien die heiligen Lehrer und andere heilige Männer der katholischen Kirche oder die Lehrer der Schulen, die uns allen den Weg der Wahrheit und des Lichtes gezeigt haben. Allein die Urteile des Allerhöchsten und seine Gedanken sind über den unsrigen so hoch wie der Himmel über der Erde. Niemand hat seinen Sinn erkannt und niemand kann ihm Ratgeber sein in seinen Werken. Er ist es, der die Waage des Heiligtums in seiner Hand hat und den Winden Gewicht gab. Er ist es, der alle Weltkreise (Himmel) in seiner Hand trägt und in der Gerechtigkeit seiner heiligsten Ratschlüsse alle Dinge nach Maß und Gewicht ordnet, einem jeden die geeignete Stelle und rechte Zeit anweisend. Er strömt aus das Licht der Weisheit und verteilt es nach seiner gerechtesten Güte. Niemand vermag in den Himmel aufzusteigen, um die Weisheit zu holen und herabzubringen aus den Wolken; niemand kann wissen ihre Wege noch ausforschen ihre Pfade. Er allein bewahrt sie in sich selbst; und gleichwie den Hauch und Ausfluß seiner unermeßlichen Liebe, als den Abglanz seines ewigen Lichtes und als den makellosen Spiegel und das Abbild seiner ewigen Güte, gießt er sie aus unter die Völker und in die heiligen Seelen, um durch sie Freunde des Allerhöchsten zu machen und Propheten zu bilden. Er, der Herr, weiß auch, warum er mich, das allermindeste Geschöpf, erweckt, berufen und erhoben, warum er mich bereitet und geleitet, verpflichtet und genötigt hat, das Leben seiner würdigsten Mutter, unserer Königin und Herrin, zu beschreiben.

4. Daß ohne derartigen Antrieb, ohne Wirkung der mächtigen Hand des Allerhöchsten ein solcher Gedanke in ein menschliches Herz und ein ähnlicher Entschluß in meinen Sinn komme, das läßt sich vernünftigerweise gar nicht denken; denn ich erkenne und bekenne mich als ein schwaches Weib, ohne Tugend; allein gleichwie ich mit meinem Verstande an solches nicht denken konnte, ebenso darf ich anderseits bloß aus meinem eigenen Willen nicht hartnäckig widerstehen. Damit man aber in dieser Hinsicht ein richtiges Urteil sich zu bilden vermöge, will ich in Aufrichtigkeit und Wahrheit einiges von dem erzählen, was mir bezüglich dieser Angelegenheit widerfahren ist.

5. Im achten Jahre der Gründung dieses Klosters, im fünfundzwanzigsten meines Lebens, legte mir der Gehorsam das Amt auf, das ich gegenwärtig unwürdig bekleide, das Amt der Vorsteherin des Klosters. Ich wurde dadurch beunruhigt und in große Traurigkeit und Mutlosigkeit versenkt; denn sowohl mein jugendliches Alter als auch das Verlangen meines Herzens sagten mir, daß ich nicht leiten und befehlen, sondern gehorchen sollte und geleitet werde. Zudem wußte ich, daß man, um mir dieses Amt zu übertragen, um Dispensation nachgesucht hatte. Diese und andere gerechten Gründe vermehrten meine Angst, durch welche der Allerhöchste ohnedies das ganze Leben hindurch mein Herz gekreuzigt hatte, indem ich in der beständigen und unbeschreiblichen Furcht lebte, ich möchte etwa nicht auf dem rechten Wege wandeln und die Freundschaft und Gnade Gottes verlieren oder gar nicht besitzen.

6. In dieser Trübsal schrie ich zum Herrn aus meinem ganzen Herzen, daß er mir helfe und, falls es sein Wille sei, dieser gefahrvollen Bürde mich enthebe. Allerdings hatte Seine Majestät einige Zeit vorher mich aufmerksam gemacht und mir befohlen, die Bürde auf mich zu nehmen, und wenn ich mich mit meiner Schüchternheit entschuldigte, hatte er mich immer getröstet und mir gezeigt, es sei dies sein Wille. Allein trotzdem ließ ich nicht nach mit meinen Bitten, ja ich vermehrte sie; denn ich erkannte und schaute im Herrn eine Sache, die sehr der Beachtung wert ist; wiewohl nämlich die göttliche Majestät mir zeigte, wie es so ihr heiligster Wille sei, dem ich nicht zu widerstehen vermöge, so erkannte ich doch, daß sie mir die Freiheit lasse, mich zurückzuziehen, zu widerstehen und überhaupt zu tun, was ich als schwaches Geschöpf in Ansehung meiner großen und allseitigen Unfähigkeit zu tun schuldig war. So weise ist das Verhalten des Herrn gegen uns. Bei der Erkenntnis vom göttlichen Wohlgefallen machte ich viele Anstrengungen, um einer so augenscheinlichen Gefahr auszuweichen, einer Gefahr, die von der verdorbenen Natur mit ihren Gebrechen und ihrer ungeordneten Begierlichkeit so wenig erkannt wird. Allein fortwährend wiederholte der Herr, es sei dies sein Wille. Dabei wurde ich durch den Herrn selbst sowie durch die heiligen Engel getröstet und zum Gehorsam ermahnt.

7. In dieser Betrübnis wandte ich mich an meine Herrin, die Königin des Himmels, als an die besondere Zuflucht in allen meinen Kümmernissen. Nachdem ich ihr meine Wege und Wünsche eröffnet hatte, würdigte sie sich, mir in folgenden, höchst lieblichen Worten zu erwidern: "Meine Tochter, sei getrost und laß dein Herz nicht beunruhigt werden durch die Mühsal; bereite dich vielmehr darauf vor! Ich werde deine Mutter und Oberin sein, der du zu gehorchen hast. Dasselbe werde ich auch für deine Untergebenen sein. Ich werde deine Mängel ersetzen, und du wirst meine Geschäftsführerin sein, durch welche ich den Willen meines Sohnes und Gottes durchführen werde. In allen deinen Versuchungen und Anliegen komme zu mir, um sie mit mir zu besprechen und dir Rat zu holen, ich werde dir in allem zu Rate sein! Gehorche mir; ich werde dir beistehen und ein wachsames Auge haben auf deine Kümmernisse!" Das sind die Worte, welche die Himmelskönigin zu mir sprach. Worte, die meiner Seele ebenso zum Troste wie zum Nutzen gereichten; denn durch sie wurde meine Seele in ihrer Traurigkeit ermutigt und gestärkt. Von diesem Tage an ließ die Mutter der Barmherzigkeit mich, ihre Dienerin, ihre Erbarmungen in noch reichlicherem Maße erfahren; denn ihr Umgang mit meiner Seele war fortan inniger und andauernder. Sie nahm mich auf, hörte mich an und belehrte mich mit unaussprechlicher Herablassung. Sie gab mir Trost und Rat in meinen Kümmernissen und erfüllte meine Seele mit Licht und mit Lehren des ewigen Lebens. Auch ermahnte sie mich, meine Ordensgelübde in ihre Hände zu erneuern, kurz, seit jener Begebenheit zeigte sich diese liebenswürdigste Mutter, unsere Frau, ihrer Dienerin in hellerem Lichte. Es fiel der Vorhang vor den verborgenen, hohen und erhabenen Geheimnissen, die in ihrem heiligsten Leben eingeschlosssen, den Sterblichen aber verhüllt sind. Diese Gnade des übernatürlichen Lichtes war zwar andauernd (besonders an ihren Festen und bei verschiedenen anderen Anlässen, bei denen ich viele Geheimnisse inne ward), aber noch nicht in der Fülle, Häufigkeit und Klarheit, in welcher sie mich später über diese Geheimnisse belehrte. Auch trug sie mir dabei oftmals auf, diese Geheimnisse, so wie ich sie inne war, niederzuschreiben; Ihre Majestät würde sie mir angeben und erklären. Ganz besonders aber geschah es einmal an einem dieser Feste der allerseligsten Jungfrau Maria, daß der Allerhöchste mir sagte, er habe noch viele Geheimnisse und Gnaden, die er an dieser göttlichen Mutter zur Zeit, da sie noch unter den Sterblichen weilte, gewirkt habe, bisher verborgen gehalten, und es sei nunmehr sein Wille, sie zu offenbaren; ich solle sie schreiben, wie sie selbst mich darüber belehren werde. Diesen Willensentschluß habe ich in Seiner allerhöchsten Majestät zehn Jahre lang ununterbrochen geschaut, so lange nämlich, als mein Widerstand dauerte, bis ich endlich anfing, zum ersten Male diese heilige Geschichte zu schreiben.

8. Ich trug meine Sorge auch den Himmelsfürsten, den Engeln, vor, welche der Allmächtige angewiesen hatte, bei diesem Werke (nämlich der Beschreibung der Geschichte unserer Herrin) meine Führer zu sein. Ich eröffnete ihnen die Unruhe und Kümmernis meines Herzens und stellte ihnen vor, wie meine Zunge zu einem so schwierigen Unternehmen nur stammelnd, ja sprachlos sei. Sie aber gaben mir zu wiederholten Malen zur Antwort, es sei der Wille des Allerhöchsten, daß ich das Leben seiner reinsten Mutter, Unserer Lieben Frau, beschreibe. Eines Tages nun, da ich ihnen besonders viele Einwendungen machte und ihnen meine Beschwernis, Unfähigkeit und große Furcht vorstellte, sprachen sie zu mir folgende Worte: "Mit Recht, o Seele, bist du kleinmütig und unruhig, zweifelst und zagst du in einer Sache, in der selbst wir Engel ein Gleiches tun, weil wir nicht imstande sind, die erhabenen und großen Dinge zu erklären, die der allmächtige Arm Gottes an unserer Königin, der Mutter der Barmherzigkeit, gewirkt hat. Bedenke aber wohl, Teuerste, daß eher das Himmelsgewölbe samt dem Erdball zugrunde geht, ja, daß eher alles, was Dasein hat, zu sein aufhört, als daß das Wort des Allerhöchsten vergeht -- und oftmals hat er dieses Wort seinen Geschöpfen gegeben, und in seiner Kirche, in der Heiligen Schrift findet es sich, das Wort, daß der Gehorsame von Siegen über seine Feinde erzählen und im Gehorchen nichts tadelnswert sein werde. Diese Tugend des Gehorsams hat Gott damals gegründet, als er den ersten Menschen schuf und ihm das Gebot des Gehorsams gab, von dem Baume der Erkenntnis nicht zu essen. Und zu größerer Versicherung des Menschen schwur er einen Eid (wie er dies zu tun pflegt und wie er auch dem Abraham das eidliche Versprechen gab, daß aus seinem Geschlechte der Messias abstammen werde); so hat der Herr getan, da er den ersten Menschen erschuf, er hat ihn versichert, daß der Gehorsam nicht irregehe. Und diesen Schwur hat er erneuert, als er befahl, daß sein allerheiligster Sohn sterbe; denn er gab den Sterblichen die Versicherung, daß, wer diesem zweiten Adam gehorche und ihn in seinem Gehorsam, durch welchen er das durch Adams Ungehorsam Verlorene wiederherstellte, nachahme, sie ewiges Leben besitzen und daß der Feind keinen Teil haben werde an seinen Werken. Bedenke wohl, Maria, daß aller Gehorsam seinen Ursprung von Gott als seiner ersten und hauptsächlichsten Ursache herleitet. Auch wir Engel gehorchen der Macht seiner göttlichen Rechten und seinem gerechtesten Willen, weil wir ihm nicht entgegenhandeln können und weil wir, die unveränderliche Wesenheit des Allerhöchsten von Angesicht zu Angesicht schauend, seinen Willen erkennen und sehen, daß er heilig, rein und wahr, höchst billig und gerecht ist. Diese Gewißheit nun, die wir Engel dank der seligen Anschauung besitzen, diese besitzt ihr Sterblichen, im Verhältnis und in Gemäßheit eures Standes der Pilgerschaft, kraft jener Worte, welche der Herr selber in bezug auf die Vorsteher und Oberen gesprochen hat: "Wer euch hört, der hört mich", und wer euch gehorcht, der gehorcht mir. Kraft dessen steht es der allmächtigen Vorsehung Gottes zu, die Gehorsamen sicherzustellen, sofern nur das Befohlene nicht sündhaft ist; denn Gott selbst ist ja die höchste Ursache, um derentwillen man gehorcht, der höchste Obere, dessen Willen man durch den Gehorsam vollzieht. Diese Sicherheit verleiht Gott auch in der Tat, indem er mit eidlicher Beteuerung sein Wort gibt, und eher wird er (was freilich nicht möglich ist) zu sein aufhören, als daß sein Wort trüge. Gleichwie die Kinder von ihren Eltern und alle lebenden Menschen von Adam abstammen, indem die Natur in der Nachkommenschaft sich vervielfältigte, so stammen alle Vorgesetzten von Gott ab, als dem höchsten Herrn, um dessentwillen wir den Obern gehorchen; die menschliche Natur gehorcht den lebenden Vorgesetzten, die englische Natur gehorcht denen, die einer höheren Hierarchie, aber gleicher Natur angehören; die einen wie die andern aber gehorchen dem ewigen Gott."
"Nun erinnere dich, o Seele, daß das, worüber du Bedenken trägst, eine Sache ist, die dir von allen aufgetragen und befohlen worden ist. Gesetzt darum auch, der Befehl wäre unpassend, du aber wolltest dennoch gehorchen, dann würde es Gott mit deiner Feder machen, wie er dem gehorsamen Abraham getan, als dieser seinen Sohn Isaak opferte. Gott befahl nämlich einem von uns Engeln, den Arm mit dem Messer aufzuhalten. Gott befiehlt uns aber nicht, daß wir deine Feder aufhalten, er befiehlt uns vielmehr, daß wir leichten, flinken Flugs sie führen, indem wir, auf Seine Majestät hörend, dich leiten; er befiehlt uns, daß wir deinen Verstand erleuchten und dir helfen."

9. Das sind die Ermahnungen und Belehrungen, welche meine Gebieter, die heiligen Engel, bei besagter Gelegenheit mir gegeben haben. In vielen anderen Fällen hat mir auch der hl. Michael, der Himmelsfürst, denselben Ratschluß und Befehl von seiten des Allerhöchsten mitgeteilt. Durch die fortwährenden Erleuchtungen, Gnadenerweise und Belehrungen seitens dieses großen Himmelsfürsten habe ich erhabene Geheimnisse über Gott und über die Königin des Himmels erfahren; denn dieser heilige Erzengel war einer von jenen, welche aus allen Ordnungen und Hierarchien abgeordnet waren, um die Himmelskönigin zu beschützen und ihre Assistenz zu bilden, wie ich an seinem Orte noch sagen werde. Und da überdies der hl. Michael allgemeiner Patron und Beschützer der heiligen Kirche ist, so war er in besonderer Weise Zeuge und treuester Diener bei den Geheimnissen der Menschwerdung und Erlösung. So habe ich oftmals von diesem heiligen Erzengeln gehört, durch dessen Fürbitte ich in meinen Mühsalen und Kämpfen außerordentliche Gnaden empfangen habe. Er hat mir auch versprochen, bei diesem Werke mir beizustehen und mich zu unterweisen.

10. Abgesehen von diesen und anderen Aufträgen, die ich nicht alle zu nennen brauche, und abgesehen von dem, was ich später noch hierüber sagen werde, hat der Herr selber oftmals unmittelbar und persönlich mir den Befehl erteilt und seinen Willen kundgetan, und zwar in folgenden Worten, die ich hier ein für allemal anführe. Es war an dem Festtage der Darstellung der reinsten Jungfrau Maria im Tempel, da Seine Majestät zu mir sprach: "Meine Braut, viele Geheimnisse über meine Mutter und die Heiligen sind in meiner streitenden Kirche geoffenbart; allein viele sind noch verborgen, besonders solche, die sich auf das innere, verborgene Leben beziehen. Ich will sie offenbaren; du aber sollst sie niederschreiben, so wie sie dir gezeigt werden, besonders jene, die sich auf die reinste Jungfrau Maria beziehen. Ich will sie dir erklären und zeigen. Durch die verborgenen Ratschlüsse meiner Weisheit habe ich sie bis jetzt mir vorbehalten, weil die geeignete und meiner Vorsehung entsprechende Zeit noch nicht gekommen war. Jetzt ist sie da, und mein Wille ist, daß du diese Geheimnisse schreibest. Seele, gehorche!"

11. Alle diese Vorkommnisse und andere, die ich außerdem noch anführen könnte, wären indes nicht imstande gewesen, meinen Willen zu einem so schweren und meinem Berufe so ferne liegenden Entschlusse zu bringen, wenn nicht der Befehl meiner Oberen, die meine Seele leiteten und den Weg der Wahrheit mir zeigten, dazugekommen wäre; denn meine Besorgnisse und Ängste sind nicht derart, daß ich bei einer so schwierigen Sache in etwas anderem Ruhe und Sicherheit fände als allein im Gehorsam; ist es ja doch in anderen, weit unbedeutenderen, dem übernatürlichen Gebiete angehörigen Dingen nur allein der Gehorsam, welcher mich zur Ruhe kommen läßt. Als unwisssendes Weib habe ich immer diesen Leitstern aufgesucht; denn es ist ja Pflicht, alle Dinge, mögen sie noch so erhaben und unverdächtig scheinen, der Gutheißung der Lehrmeister und Diener der heiligen Kirche zu unterstellen und in diesem Lichte sie zu betrachten. Alles dieses habe ich bei der Führung meiner Seele und noch mehr bei diesem Unternehmen, nämlich bei Beschreibung des Lebens der Himmelskönigin, zu tun mich beflissen. Und damit meine Oberen sich nicht durch meine Erzählungen bestimmen ließen, habe ich alle mögliche Sorgfalt angewendet, indem ich einzelnes, soweit ich konnte, verschwieg und unter Tränen den Herrn anflehte, er möge ihnen Licht und Sicherheit geben (oftmals bat ich auch, er möge ihnen diese Sache aus dem Sinne nehmen), auf daß sie mich vor Irrtum und Täuschung bewahrten.

12. Zugleich muß ich bekennen, daß der Satan, meine ängstliche Gemütsart benützend, große Anstrengungen gemacht hat, mich an diesem Werke zu hindern; er suchte Mittel und Wege, mich zu entmutigen und zu ängstigen, und ohne Zweifel hätte er mich dazu gebracht, es aufzugeben, wenn nicht der beharrliche und unüberwindliche Eifer meiner Oberen mein schüchternes Herz ermutigt hätte. Damit waren sie zugleich Veranlassung, daß der Herr und die allerreinste Jungfrau samt den heiligen Engeln ihre Erleuchtungen, ihre Zeichen und Wunder erneuerten. Nichtsdestoweniger zögerte ich, oder besser gesagt, weigerte ich mich viele Jahre hindurch, ihnen allen zu gehorchen, wie ich in der Folge noch erzählen werde, und getraute mich nicht, tatsächlich Hand an ein Werk anzulegen, das meine Kräfte so sehr übersteigt. Indes geschah dies meines Erachtens nicht ohne besondere Fügung der göttlichen Vorsehung. Ich hatte nämlich während ebendieser Zeit so viele, ich darf sagen, unerklärliche Erlebnisse und so verschiedenartige außerordentliche Widerwärtigkeiten durchzumachen, daß ich die zur Aufnahme solchen Lichtes und solcher Belehrung erforderliche Ruhe und Freiheit des Geistes nicht hätte genießen können. Denn nicht in jedem Zustande, mag er auch noch so erhaben und weit vorangeschritten sein, ist die Spitze der Seele befähigt, einen so erhabenen und dabei so zarten Einfluß in sich aufzunehmen. Nebst diesem fand ich noch einen anderen Grund, warum es so geschah; damit ich nämlich bei so langer Verzögerung teils durch das neue Licht, das man im Laufe der Zeit erhält, teils durch die Klugheit, die man durch verschiedenartige Erfahrung gewinnt, mich besser unterrichten und versichern könnte, und damit ich infolge der fortgesetzten Aufforderungen von seiten des Herrn, der heiligen Engel und meiner Oberen und durch den andauernden Gehorsam Ruhe und Sicherheit gewänne, meine Angst, Schüchternheit und Unruhe überwände und das, was ich meinen eigenen schwachen Kräften nicht zutraute, vom Herrn erhoffte.

13. Im Vertrauen auf diese große Tugend des Gehorsams entschloß ich mich denn also im Namen des Allerhöchsten und im Namen der Himmelskönigin, meiner Gebieterin, meinen Widerstand aufzugeben. Groß nenne ich diese Tugend, nicht nur deshalb, weil sie das Edelste, was das Geschöpf besitzt, nämlich den Verstand, das Urteil und den Willen, Gott als vollkommenes Brandopfer darbringt, sondern auch deswegen, weil keine andere Tugend größere Sicherheit verleiht als diese; denn vermöge ihrer wirkt das Geschöpf nicht aus sich selbst, sondern als ein Werkzeug dessen, der es leitet und ihm befiehlt. Sie war es, welche dem Abraham die Festigkeit verlieh, die Gewalt der natürlichen Liebe und Zuneigung zu Isaak zu überwinden. Und wenn diese Tugend etwas solches vermochte, ja wenn sie zu bewirken vermochte, daß die Sonne mit den Himmeln ihren raschesten Lauf einhielt, so wird sie wohl auch bewirken können, daß Asche und Staub sich bewege. Hätte Oza durch den Gehorsam sich leiten lassen, er wäre wohl nicht als verwegener, frevelhafter Mensch für Berührung der Arche gestraft worden. Ich sehe zwar wohl ein, daß ich als eine weit Unwürdigere die Hand ausstrecke, um die Arche zu berühren; nicht die leblose, vorbildliche Arche des Alten Bundes, sondern die lebendige Arche des Neuen Testamentes, in welcher das Manna der Gottheit und der Urheber der Gnade und des heiligen Gesetzes eingeschlossen war. Allein wenn ich schweige, fürchte ich nicht ohne Grund, gegen so viele Befehle ungehorsam zu sein und mit Isaias einst sagen zu müssen: "Wehe mir, daß ich geschwiegen habe!"
Wohlan denn, meine Königin und Gebieterin, besser ist es, es erglänze in meiner Niedrigkeit deine allermildeste Güte und Barmherzigkeit und die Huld deiner freigebigen Hand; besser ist es, du reichst mir deine Hand, damit ich deinen Befehlen gehorche, als daß ich in deine Ungnade falle. O allerreinste Mutter, es wird dies ein Werk sein, würdig deiner Güte, wenn du eine Arme aus dem Staube erhebest und aus einer schwachen, ganz untauglichen Person ein Werkzeug bildest zu so schwierigen Werken, durch welche du deine Gnade und die Gnaden, die dein allerheiligster Sohn dir mitgeteilt hat, verherrlichst. Du wirst nicht zulassen, daß man in betrüglicher Anmaßung sich einbilde, es sei dieses Werk die Frucht menschlichen Fleißes oder irdischer Klugheit, oder es werde hergestellt durch die Hilfsmittel und die Autorität wissenschaftlicher Untersuchung; du wirst vielmehr zeigen, daß es die göttliche Gnade ist, durch deren Kraft du die gläubigen Herzen aufs neue erweckst und sie erhebst zu dir, dem Quell der Güte und Barmhzerigkeit. Rede darum, o Herrin, deine Dienerin hört, sie hört mit dem glühenden Verlangen, den schuldigen Gehorsam dir zu leisten. Wie werden aber meine Wünsche meiner Schuldigkeit gleichzukommen und sie zu erfüllen vermögen? Schuldige Danksagung wird mir unmöglich sein; wäre sie aber möglich, so würde ich sie zu leisten verlangen. O mächtige, o große Königin, erfülle dein Versprechen und deine Worte und offenbare mir deine Gnaden und Vollkommmenheiten, damit deine Größe mehr erkannt und verherrlicht werde von allen Nationen und Geschlechtern. Rede, o Herrin, deine Dienerin hört; rede und mache groß den Allerhöchsten in den gewaltigen, wunderbaren Werken, die seine Rechte in deiner tiefsten Demut gewirkt hat! Sie mögen herabsteigen, diese Wunder, von seinen "aus gold gedrehten, mit Hyazinthen gefüllten Händen" in die deinen und von diesen auf deine frommen Diener, damit die Engel ihn lobpreisen, die Gerechten ihn verherrlichen, die Sünder ihn suchen und alle ein Vorbild möchster Heiligkeit und Reinheit haben, und damit ich durch die Gnade deines allerheiligsten Sohnes darin einen Spiegel und eine wirksame Norm habe, um mein Leben darnach einrichten zu können! Denn dieses muß das erste Ziel meiner Sorgfalt sein, indem ich dein Leben beschreibe; wiederholt hat deine Hoheit mir dies gesagt, indem sie sich würdigte, ein lebendiges Vorbild, einen beseelten makellosen Spiegel mir anzubieten, in welchem ich meine Seele zu beschauen und zu zieren habe, um deine Tochter und deines allerheiligsten Sohnes Braut zu werden.

14. Dies ist alles, was ich verlange und was ich will. Und darum werde ich schreiben, nicht als Meisterin, sondern als Schülerin, nicht um zu lehren, sondern um zu lernen; haben ja doch vorschriftsgemäß in der heiligen Kirche die Weiber zu schweigen und auf die Lehrer zu hören. Als ein Werkzeug der Königin des Himmels werde ich jedoch offenbaren, was Ihre Majestät mir kundzutun und zu befehlen sich würdigen wird. Denn den Geist zu empfangen, welchen ihr allerheiligster Sohn über Personen aller Stände und Geschlechter ohne Ausnahme zu ergießen versprochen hat, dazu sind alle Seelen befähigt, und darum sind sie auch befähigt, wie sie ihn empfangen, ebenso auch in ihrer Weise ihn zu offenbaren, wenn die höhere Gewalt mit christlicher Klugheit es befiehlt; daß aber meine Oberen in solcher Weise es befohlen, daran zweifle ich nicht. Daß ich irre, das ist möglich, und erklärlich bei einem unwissenden Weibe; daß ich aber im Gehorchen irre, ist unmöglich, wie es auch nicht in meiner Absicht gelegen ist. Darum überlasse und unterwerfe ich mich dem, der mich leitet, sowie der Weisung der heiligen katholischen Kirche, zu deren Dienerin ich meine Zuflucht in jeder Schwierigkeit nehmen werde. Desgleichen will ich auch, daß mein Oberer, Lehrer und Beichtvater Zeuge und Zensor der Lehre sei, die ich empfange, aber auch ein wachsamer und strenger Richter darüber, ob und wie ich sie ins Werk setze, oder ob ich es fehlen lasse an der Befolgung derselben und an der Erfüllung meiner Obliegenheiten, die nach so großer Wohltat zu bemessen sind.

15. Dem Willen des Herrn gemäß und nach Anordnung des Gehorsams habe ich diese heilige Geschichte zum zweiten Male geschrieben. Denn wegen der Überfülle und Fruchtbarkeit des Lichtes, in dem ich die Geheimnisse schaute, einerseits und wegen meiner großen Unfähigkeit anderseits war das erste Mal meine Zunge nicht fähig, die Ausdrücke waren nicht treffend, die Feder war nicht schnell genug, um alles zu sagen. Ich hatte einiges ausgelassen, zu dessen Erzählung ich jetzt, nach langer Zeit und vermöge neuer Erleuchtungen, mehr geeignet bin. Freilich werde ich immer noch vieles von dem, was ich inne geworden und geschaut, übersehen; denn alles zu sagen ist niemals möglich. Noch einen anderen Grund habe ich nebst diesem im Herrn erkannt; es ist folgender: als ich das erste Mal schrieb, hat der Stoff und die Ordnung dieses Werkes meine Aufmerksamkeit gar sehr auf sich gezogen; auch waren die Versuchungen und Beängstigungen so groß, die Stürme der Zerstreuungen und Einflüsterungen, die auf mich eindrangen, als hätte ich in Übernahme eines so schwierigen Werkes vermessentlich gehandelt, gingen so sehr über alles Maß, daß ich mich dazu verstand, es zu verbrennnen. Es geschah dies meines Erachtens nicht ohne Zulassung des Herrn; denn in dem Zustande solcher Unruhe war meine Seele nicht fähig, die entsprechenden Gnaden in sich aufzunehmen, die der Herr ihr zu geben wünschte, indem er seine Lehre in mein Herz schreiben und in meinen Geist einprägen wollte. Er befiehlt aber, daß ich dies jetzt tue, wie dies aus folgendem Vorfall ersichtlich ist.

16. Eines Tages, es war am Feste der Reinigung Unserer Lieben Frau, wollte ich nach dem Empfange des Allerheiligsten Sakramentes dieses Fest durch Übergabe meines Herzens an den Allerhöchsten und in Akten der Danksagung dafür feiern, daß er ohne mein Verdienst mich zu seiner Braut angenommen hatte (es war nämlich zugleich der Jahrestag meiner Profeß). Während ich nun diese Anmutungen erweckte, fühlte ich in meinem Innern eine große Veränderung und eine Überfülle von Licht, welches mächtig und lieblich zugleich mich erhob und mich gleichsam nötigte zur Erkenntnis der Wahrheit Gottes, seiner Güte, seiner Vollkommenheiten und Eigenschaften, aber auch zur Erkenntnis meines eigenen Elendes. Diese zu gleicher Zeit meinem Verstande sich darstellenden Gegenstände brachten in mir verschiedene Wirkungen hervor. Fürs erste zogen sie meine ganze Aufmerksamkeit und meinen Willen an sich; fürs zweite demütigten und erniedrigten sie mich so sehr in den Staub, daß mein ganzes Wesen gleichsam verging und ich den heftigsten Reueschmerz über meine schweren Sünden empfand, mit dem festen Vorsatze, mich zu bessern, allem, was die Welt bietet, zu entsagen und mich über alles Irdische zur Liebe des Herrn emporzuschwingen. In diesen Anmutungen war ich wie ohnmächtig, der größte Schmerz aber war Trost, und Sterben war Leben. Da erbarmte sich der Herr meiner Ohmacht aus lauter Barmherzigkeit und sprach zu mir: "Verliere den Mut nicht, meine Tochter und Braut; um dir zu verzeihen, um dich zu waschen und zu reinigen von deinen Verschuldungen, werde ich dir meine unendlichen Verdienste und das Blut, das ich für dich vergossen habe, zuwenden. Fasse Mut, um durch Nachahmung des Lebens meiner heiligsten Mutter nach der Vollkommenheit zu streben, die du begehrst; schreibe es zum zweiten Male, damit du beifügst, was noch fehlt und dessen Lehre deinem Herzen einprägst. Reize nicht mehr meine Gerechtigkeit und stoße nicht meine Barmherzigkeit zurück, indem du verbrennst, was du schreibst; ich würde sonst in meinem Zorne dir das Licht nehmen, das dir ohne dein Verdienst dazu gegeben ist, damit du diese Geheimnisse erkennst und offenbarst."

17. Gleich darauf sah ich die Mutter Gottes, die Mutter der Barmherzigkeit. Sie sprach zu mir: "Meine Tochter, du hast von dem Baume des Lebens, d.i. von der Geschichte meines Lebens, die du geschrieben, noch nicht die entsprechende Frucht für deine Seele gewonnen; noch bist du nicht auf das Mark seines Inhaltes gekommen; noch hast du nicht hinreichend von diesem verborgenen Manna gesammelt; noch hast du nicht die letzte Vorbereitungsstufe in der Vollkommenheit erreicht, deren du bedurftest, damit der Allmächtige meine Tugenden und Vollkommenheiten in deine Seele nach Verhältnis eindrücke. Ich werde dir die nötige Befähigung und Ausrüstung geben zu dem, was die Hand Gottes in dir wirken will. Ich habe ihn gebeten, mir zu gestatten, daß ich mit eigener Hand, kraft meiner Verdienste und mittels der überschwenglichen Gnade, die er mir verliehen, dich schmücke und deine Seele ausrüste, auf daß du mein Leben zum zweiten Male schreibest. Dabei sollst du aber nicht so sehr auf die äußere Form als vielmehr auf den Inhalt und die Sache selber bedacht sein. Auch sollst du dich wie ein gefügiges Werkzeug verhalten, damit du dem Strome der göttlichen Gnade, welchen der Allmächtige in mich ergoß und wovon ein Teil gemäß der Anordnung des göttlichen Willens auf dich übergehen soll, kein Hindernis entgegensetzest. Hab acht, daß du ihn nicht verringerst und beschränkst durch Kleinmut und unvollkommenes Handeln!" Darauf sah ich, wie die Mutter der Barmherzigkeit mir ein Kleid anlegte, das weißer war als der Schnee und glänzender als die Sonne. Dann legte sie mir einen überaus kostbaren Gürtel um und sprach: "Das ist ein Anteil an meiner Reinheit." Auch erbat sie für mich vom Herrn die eingegossene Wissenschaft, um mich damit wie mit einem wunderschönen Haarschmucke zu zieren, und außerdem noch andere Gaben und kostbare Kleinodien, die ich wohl als kostbar erkannte, deren Bedeutung mir aber unbekannt blieb. Nach dieser Ausrüstung sprach die himmlische Herrin zu mir: "Arbeite getreu und sorgsam, mir nachzufolgen und meine vollkommenste Tochter zu werden, erzeugt aus meinem Geiste, genährt an meiner Brust! Ich gebe dir meinen Segen, damit du in meinem Namen, unter meiner Leitung und mit meinem Beistand zum zweiten Male schreibst."

18. Dieses ganze heiligste Leben wird der deutlicheren Übersicht wegen in drei Teile oder Bücher abgeteilt.
Der erste Teil behandelt das, was während der ersten fünfzehn Lebensjahre der Himmelskönigin geschah, d.h. von ihrer reinsten Empfängnis bis zu dem Zeitpunkte, wo das ewige Wort in ihrem jungfräulichen Schoße menschliches Fleisch annahm, und was der Allerhöchste während dieser Jahre in der allerseligsten Jungfrau Maria gewirkt hat.
Der zweite Teil umfaßt das Geheimnis der Menschwerdung, das ganze Leben Christi unseres Herrn, sein Leiden und Sterben, seine Himmelfahrt, also die Zeit, während welcher die göttliche Mutter mit ihrem heiligsten Sohne zusammenlebte, und alles, was sie in diesem Zeitraum getan hat.
Der dritte Teil enthält das übrige Leben dieser Mutter der Gnade, also die Zeit, da sie allein, ohne Christus unseren Elöser, auf Erden lebte, bis zur Stunde ihres seligen Hinscheidens. Sodann wird beschrieben, wie sie in den Himmel aufgenommen und zur Königin des Himmels gekrönt wurde, um ewig zu leben als Tochter des Vaters, Mutter des Sohnes und Braut des Heiligen Geistes.
Diese drei Teile zerlege ich in acht Bücher, damit sie handlicher seien und den beständigen Gegenstand meines Nachdenkens, den Sporn meines Willens und den Trost meiner Betrachtung bilden bei Tag und bei Nacht.

19. Was die Zeit betrifft, in welcher ich diese heilige Geschichte geschrieben habe, so ist zu bemerken, daß meine Eltern, Fr. Franziskus Coronel und Schwester Katharina Arana, dieses Kloster der "Unbeschuhten Ordensfrauen von der Unbefleckten Empfängnis" nach göttlichem Willen und Ratschluß, wie derselbe durch besondere Erleuchtung und Offenbarung meiner Mutter, der Schwester Katharina, kundgegeben worden war, in ihrem eigenen Hause gegründet haben. Die Gründung geschah am Oktavtage des Festes der Heiligen Drei Könige, am 13. Januar des Jahres 1619. Am nämlichen Tage nahmen meine Mutter, ich und meine Schwester das Ordenskleid. Mein Vater trat in den Orden unseres seraphischen Vaters, des heiligen Franziskus, in welchem seine zwei Söhne bereits als Religiosen lebten. Er empfing daselbst das Ordenskleid, legte Profeß ab, lebte als ein Muster für alle und starb eines heiligen Todes.
Meine Mutter und ich empfingen den Schleier am Feste der Reinigung der großen Königin des Himmels, am 2. Februar 1620. Die Profeß meiner jüngeren Schwester wurde verschoben, weil sie noch nicht das gehörige Alter hatte. So hat der Allmächtige aus lauter Güte unsere Familie begnadigt, daß sie sich ganz dem Ordensstande widmete.
Im achten Jahre der Gründung, im fünfundzwanzigsten meines Lebens, d.i. im Jahre 1627 n. Chr., legte mir der Gehorsam das Amt einer Oberin auf, das ich zurzeit, wiewohl unwürdig, bekleide. Zehn Jahre gingen in diesem Amte vorüber, in denen ich oftmals, sowohl vom Allerhöchsten als von der großen Königin des Himmels den Auftrag erhielt, ihr heiligstes Leben zu beschreiben; aber aus Furcht und Schüchternheit widerstand ich diese ganze Zeit hindurch diesen Befehlen Gottes bis zum Jahre 1637, wo ich dann anfing, dasselbe zum ersten Male zu schreiben. Nachdem ich es vollendet hatte, habe ich infolge der oben beschriebenen Ängstlichkeiten und Unruhen und auf den Rat eines Beichtvaters, der mir in Abwesenheit meines gewöhnlichen Seelenführers beistand, alle meine Papiere verbrannt, sowohl diese heilige Geschichte als auch viele andere Schriften, welche über große Geheimnisse handelten; denn, sagte er mir, Weiber brauchen in der heiligen Kirche nicht zu schreiben. Ich gehorchte bereitwillig, erhielt aber nachher von den Oberen sowie vom Beichtvater, der mein ganzes Leben kannte, sehr scharfe Verweise. Unter Androhung von kirchlichen Strafen befahlen sie mir, das Leben nochmals zu schreiben, aber auch der Allerhöchste und die Königin des Himmels befahlen mir wiederholt, zu gehorchen. Dieses zweite Mal nun waren die Erleuchtungen, welche ich über Gottes Wesenheit erhielt, so reichlich, die Gnaden, welche die Hand des Allerhöchsten über mich ausgoß, damit meine arme Seele durch die Lehren ihrer himmlischen Lehrmeisterin erneuert und belebt würde, so überfießend, die Lehren so vollkommen und die Geheimnisse so erhaben, daß ich genötigt bin, ein eigenes Buch zu schreiben, das einen Anhang zu gegenwärtiger Geschichte bildet und den Titel führt: "Gesetze der Braut, erhabene Grundsätze ihrer keuschen Liebe, Frucht vom Baume des Lebens Unserer Lieben Frau, der allerseligsten Jungfrau Maria." So habe ich denn mit der Gnade Gottes begonnen, dieses Leben zu schreiben, am achten Dezember des Jahres 1655, am Festtage der reinsten, unbefleckten Empfängnis Mariä.


 

Ü Siehe auch: Einige gewichtige Urteile

Ü Siehe auch: Schriftenliste AGREDA-Werk