Aus dem Immaculata-Archiv:


Die großen Tage der heiligen Seherin von

Lourdes

 

Von

Rose-Marie Freiin v. Bechtolsheim

Imprimatur Treveris, die 12 m. Februarii 1935, Vicarius in Spir. Generalis Tilmann


Einleitung

Der hl. Bernadette, dem Gnadenkind der Gottesmutter von Lourdes, sei das Folgende in Ehrfurcht und Liebe zu Füßen gelegt!

Möge sie freundlich niederblicken auf die zu Ehren der Unbefleckten verfaßte Arbeit und ihr die Verbreitung erbitten, die ihr Zweck uns wünschen läßt.

Dieses Büchlein möchte die Muttergottes von Lourdes ihren deutschen Kindern recht nahe bringen. Es gibt so manche, die seit dem Krieg von allem, was französisch ist oder aus Frankreich stammt, nichts mehr wissen wollen. Sie übertragen dieses an sich vielleicht natürliche, aber doch wenig christliche Gefühl auch auf Dinge, die mit Politik, mit Volkscharakter und Landesgrenzen nicht das mindeste zu tun haben. Sie alle seien durch diese Blätter daran erinnert, daß Unsere Liebe Frau von Lourdes keine andere ist, als die Gnadenmutter von Altötting, von Kevelaer, von Maria-Zell oder von Einsiedeln.

Vor erst 18 Jahren ist im fernen Portugal ein in vieler Beziehung dem französischen Lourdes ganz ähnlicher Gnadenort Marias entstanden. Die Entscheidung des dortigen Bischofs liegt bereits vor, daß die Erscheinungen der "Rosenkranzkönigin von Fatima" als durchaus glaubwürdig anzusehen sind. Ungezählte Scharen -- man hört von noch zahlreicheren Besuchern als selbst in Lourdes -- pilgern nach der "Mulde der Iria", um sich dort Gesundheit für Leib und Seele zu holen.

Nur eine ganz falsche Auffassung der außergewöhnlichen Gnadenerweise des Herrn und seiner heiligen Mutter sieht in den Vorkommnissen von Fatima einen Grund, die Andacht zur Unbefleckten Jungfrau von Lourdes in der eigenen Schätzung zurückzustellen. Eine zweite Offenbarung ähnlicher Art soll vielmehr, so dünkt uns, die Echtheit der ersten bestätigen. Maria, hier als "Unbefleckte Empfängnis", dort als "Rosenkranzkönigin" sich kindlicher Unschuld offenbarend, will, wie es scheint, in diesen Jahrhunderten, da die Kirche so schwere Kämpfe mit der Hölle zu bestehen hat, unserer Erde ihre Liebe und Hilfsbereitschaft in besonderer Weise kundtun.

Noch in den allerjüngsten Tagen sind aus Belgien ganz erstaunliche Nachrichten von vielfach wiederholten Erscheinungen der Gottesmutter vor Kindern und Erwachsenen zu uns gelangt. Alle Umstände lassen die Vermutung als berechtigt erscheinen, daß es sich hier nicht um bloße Sinnestäuschungen handelt.

Was Lourdes anbetrifft, so stehen wir da längst gutgeheißenen, von der Kirche beglaubigten Tatsachen gegenüber. Wahrlich, dem katholischen Herzen, das mit der Kirche fühlt, sollte es nicht schwerfallen, über nationale Vorurteile einmal gänzlich hinwegzusehen!

Der echte, frohgläubige Katholik sieht in den Erscheinungen von Lourdes die vom Himmel gesandte Bestätigung der vier Jahre vorher erfolgten Dogmatisierung der Unbefleckten Empfängnis Mariens. Dies ist wohl der Grund, weshalb dem Gnadenort Lourdes ein gewisser Vorrang vor allen andern marianischen Wallfahrtstätten zugesprochen wird. Dazu kommt der unermeßliche Segen, der durch das heilende Wasser der Quelle, die zahllosen Pilgerfahrten und die große Förderung der Andacht zum allerheiligsten Sakrament im Laufe von nun über 75 Jahren der Menschheit vermittelt wurde.

 

Es war eine liebliche Fügung, daß das 75jährige Jubiläum der Ereignisse in Lourdes mit dem 1900jährigen Gedächtnis unserer Erlösung zusammenfiel. Wie ein schlichtes Veilchen neben einem blühenden Rosenstrauch hat auch die Feier zu Ehren der Gottesmutter die göttliche Barmherzigkeit verherrlicht. Eine doppelte Gnadenzeit ist es gewesen, die nun wieder der Vergangenheit angehört. Was sie uns aber bedeutete, das soll bleibendes Gut werden. Dazu möchte dieses bescheidene Büchlein beitragen.

Noch einmal möchte es die Blicke hinlenken nach Lourdes, den Ort so großer Gnade und froher Verheißung, den Ort, an dem so viele seither die Gesundheit des Leibes, Heil und Frieden der Seele gefunden haben. Mariens Macht ist freilich nicht an bestimmte Orte gebunden. Aber es ist gerade die Aufgabe der Gnadenstätten, die von ihrem jungfräulichen Fuße berührt oder sonstwie von Maria zum Ort ihrer Hulderweise erkoren wurden, so recht eindringlich auf die überall wirksame Macht und Güte unserer himmlischen Mutter aufmerksam zu machen. Jeder Wallfahrtsort ruft es laut in unsere kranke Welt hinaus: Suchet Hilfe, wo sie in Wahrheit zu finden! Nicht in euch selbst, im eigenen Wissen und Können, und mögen Menschengeist und Menschenkraft auch noch so große Errungenschaften zu verzeichnen haben! Was die Erde bietet, hat nur Wert für diese Zeit. Bei Gott und Maria sind Werte zu finden, die für eine Ewigkeit Geltung haben. Hat sich nicht der Himmel gleichsam aufgetan, damit wir erkennen möchten, wie bereit er ist, in Zeiten größerer Not und Gefahr auch größere Gnaden auf uns herabzusenden? Am meisten, wenn wir sie durch Maria suchen.

Daß wir doch recht großes, starkes Vertrauen zu Marias Gnadenvermittlung fassen möchten! Daß wir es uns doch so recht angelegen sein ließen, ihre besondere Liebe und Huld zu gewinnen! Es ist nicht schwer. Helfende Hände strecken sich uns entgegen. Hände, die uns hinführen wollen zu Jesus und Maria. Es sind die neuen Heiligen und Seligen, die das verflossene Jubeljahr auf den Leuchter der heiligen Kirche gestellt hat. Unter ihnen das Gnadenkind der Unbefleckten, dem die große Feier zu Rom am Immaculatatag 1933 gegolten: Bernadette, das Hirtenmädchen von Lourdes; nunmehr die hl. Maria Bernarda.

Uns dünkt, sie sei von Gott und Maria auserwählt, Wegweiser zu sein gerade für unsere Zeit. Dem Zeitgeist des Stolzes, des Wissensdünkels und der Überschätzung der eigenen Kraft stellt Gott in Bernardette das Musterbild heiliger Einfalt gegenüber. So ziemte es sich für die Schülerin und Prophetin der Demütigsten aller Demütigen, die, wie Geisteslehrer uns sagen, mehr noch durch die Reinheit ihres Geistes als durch die ihres Leibes verdiente, den König Himmels und der Erde in ihrem keuschen Schoße zu tragen.

Und damit verbunden lehrt Gott durch Bernadette der kreuzesscheuen Welt, die so ganz im Diesseits verankert ist, den wahren Opfergeist, den Verzicht auf das, was dem natürlichen Menschen begehrenswert erscheint. Es ist ganz auffallend, wie Maria ihr Lieblingskind zum Vorbild aller Leidensseelen stempelt. Anderen erbittet sie Befreiung von Gebrechen und Schmerzen, ja, es scheint, als sei sie in erster Linie dazu vom Himmel zur leidbedrückten Erde niedergestiegen. Die Wasser der Gnadenquelle, die unter Bernadettes Fingern dem Boden entrieseln, künden die Huldabsicht des mütterlichen Mitleids. Doch an dem Gnadenkinde selbst sollten sie sich nur ganz vorübergehend wirksam erweisen. "Ich will dich glücklich machen, doch nicht auf dieser Welt!" Das stand in tiefen Lettern eingegraben über Bernadettes weiterem Lebensschicksal. Es ist ein Geheimnis, das den natürlichen Menschen erbeben macht -- daß Gottes Lieblinge zumeist die größten Kreuzträger sind. Der Blick auf Golgatha erhellt freilich das Dunkel. Und der Blick in die Seelen jener, die Gott aus der Menge herausgehoben, um sie in besonderer Weise zu Gefährten seines leidenden Sohnes, aber auch zu bevorzugten Teilnehmern an seiner Glorie zu machen. Da sehen wir Licht und Freude, selbst in dunkelster Leidensnacht.

Das ist das Zweite, was dieses Büchlein vermitteln möchte: Ein kurzes Hineinschauen in Bernadettes Seele. Nachdem es uns Lourdes gezeigt in jenen "großen Tagen", da für die Seherin der Himmel offenstand und auch die Tausende von Nichtsehenden wie ein Ahnen das Übernatürliche verkosteten, will es versuchen, in wenigen Seiten den Widerschein des Himmels festzuhalten, der die zweite und längere Hälfte von Bernadettes Erdenleben zu einer Reihe von "großen Tagen" gemacht. Tage beständigen Fortschreitens vom Guten zum Besseren, von der Unschuld des Kindes bis hinauf zum Heldenmut unblutigen Martyriums.

In einer ihrer zahlreichen Krankheiten war es, daß eine Oberin sie auf dem Schmerzenslager besuchte. "Was machst du denn da, du kleiner Faulpelz?" -- "Gute Mutter, ich versehe mein Amt." -- "Was für ein Amt?" -- "Kranksein." -- Sie hat wahr gesprochen und ihre Aufgabe erkannt. Aber die Gnade Gottes machte ihr dies "Amt" lieb. "Nimm die Krankheit hin wie eine Liebkosung von seiten deines göttlichen Bräutigams." -- Die den andern diese Mahnung gab, hat sie zuerst selbst befolgt. "Wollen Sie Klosterfrau werden", so sprach sie bei einer andern Gelegenheit, "dann müssen Sie das Leiden lieben lernen. Der Heiland schenkt seinen Teuern auf Erden die Dornenkrone. Begehren Sie nichts anderes." -- Wie sie selbst ihre Dornenkrone getragen, ersehen wir aus ihren privaten Aufzeichnungen. "Nach Jesu Beispiel und aus Liebe zu ihm will ich mit Mut und Großmut mein Kreuz tragen, verborgen im Herzen." Und wieder: "Wenn eine Braut Jesu Christi physisch oder moralisch leidet, soll man nichts anderes vernehmen, als: Ja, mein Gott! -- ohne 'Wenn' und 'Aber'..."

Dieses "Ja" fand man allzeit auf ihren Lippen.

Wir dürfen sicher behaupten, daß es ganz große Absichten gewesen, die Gott bewegt, der alternden Welt die Erscheinungen von Lourdes und nun die Heiligsprechung der dort so begnadigten Seherin zu schenken. Die Menschheit soll ein himmelanstürmendes Vertrauen zu Maria lernen, in Tagen, da wir ihres Schutzes, ihrer Hilfe so sehr bedürfen. Und sie soll an Bernadettes Beispiel heroischen Opfergeist sehen im Gewande schlichter Demut. -- Opfergeist, wenn es sein muß, bis zur Hingabe des Lebens. Wir wissen es nur zu gut: Gott bedarf mehr denn je sühnender Seelen, um den Arm seiner strafenden Gerechtigkeit aufzuhalten. Die hl. Maria Bernarda will uns lehren, an Mariens Hand ohne Angst den steilen Opferberg zu besteigen...

Daß die folgenden Blätter auch ein klein wenig zur Verwirklichung dieser hohen Doppelabsicht beitragen dürfen, dazu gebe Maria auf die Fürbitte ihres auserwählten Gnadenkindes der Verfasserin und den Lesern ihren Muttersegen!

 

Die erste Erscheinung

Gehen wir zurück in das Jahr 1858. Gottes Ewigkeit kennt kein Gestern. Vor ihm ist alles Heute: die großen Ereignisse der Weltenwende vor 1900 Jahren -- und dann achtzehn und ein halbes Jahrhundert später, was sich in Lourdes zutrug, als es noch nicht so aussah wie jetzt -- als die grauen Felsen mit ihren phantastischen Höhlen ernst und einsam herüberschauten zum Gavefluß, über den Mühlbach hin, der da vorüberplätscherte... Wir sollen das Vergangene wiedererleben -- aber nicht mit der Phantasie allein! Im Reich der Gnade heißt "Gedächtnis feiern" nicht etwa nur an ein geschichtliches Ereignis zurückdenken und bestimmte Daten durch äußeres Gepräge hervorheben. Was für Gott Heute ist, werde es in dem Sinne auch für uns, daß unser neubelebter Glaube die Gnaden von damals gleichsam wieder flüssig macht. Gott ist unveränderlich und seine Liebe bleibt sich immer gleich. Wenn wir die Ereignisse von Lourdes an unserm Geiste vorüberziehen lassen und dabei beten und lernen, dann mag so mancher aus uns Ähnliches und mehr empfangen, als wäre er in jenen Gnadentagen dabei gewesen...

*

Es ist der 11. Februar 1858. Ein trüber Wintertag, an dem vereinzelt Regentropfen fallen. Drei Mädchen gehen miteinander zum Holzlesen. Die eine von ihnen ist Bernadette Soubirous. Damals war sie außer dem Bereiche ihres Heimatortes Lourdes und des Dorfes Bartrès, wo sie eine Zeit lang als Pflegetochter und Schafhirtin gelebt hatte, ganz unbekannt. -- Ein seichter Bach trennt die Kinder noch von dem Felsen von Massabielle, einer Stelle, die ihnen guten Fund an dürrem Holz verspricht. Die beiden andern, gesund und kräftig, schlüpfen furchtlos aus den Holzschuhen, durchwaten das winterlich kalte Wasser und machen sich drüben eifrig ans Aufsammeln. Bernadette, zart und zu Erkältung gerneigt, steht unschlüssig da. Ihre Bitte, sie hinüberzutragen, bleibt unerfüllt; so bleibt ihr nichts übrig, als die Strümpfe, die sie zum Unterschied von den andern ihrer Kränklichkeit wegen trägt, auszuziehen und dann dem Beispiel der Gefährtinnen zu folgen.

War der Entschluß zur Selbstüberwindung, der in diesem Akt lag, und die fast selbstverständliche Hinnahme der kleinen Demütigung der letzte Anstoß, der den Gnadenblick der demutsvollen Magd des Herrn auf sie herabzog? Hätte sie gezürnt oder sich dem, was der Natur peinlich war, entzogen, vielleicht hätte der Erguß des göttlichen Gnadenstromes, der sie zu überfluten bereitstand, sich noch verzögert... Wir wissen nicht, was von kleinen und kleinsten Akten der Treue für uns abhängen kann. Bei den meisten aus uns hat sich durch mangelnde Mitwirkung mit der Gnade eine Gewohnheit des Sich-Nachgebens gebildet, deren wir uns kaum bewußt sind, sowie eine Art Unfähigkeit, die sich uns bietenden Opfergelegenheiten zu bemerken oder, falls je bemerkt, mit raschem Entschluß zu ergreifen. Können wir ermessen, wie vieler Gnaden wir uns dadurch schon beraubt haben?

Ein Geräusch, wie wenn auf einmal ein Sturmwind über das Land fegt!... Wir denken unwillkürlich an das erste Pfingsten, da plötzlich "vom Himmel herab ein Brausen entstand, gleich dem eines daherfahrenden gewaltigen Windes"... (Apost. 2. 2.) Der Heilige Geist kündet das Kommen seiner Braut an.

Bernadette versteht die Stimme nicht; sie staunt nur, woher der Laut kommt, da doch alle Bäume still und unbeweglich stehen. Ein zweites Mal wiederholt sich das Brausen. Nichts rührt sich, als nur ein wilder Rosenzweig, der von der fensterähnlichen Felsennische dort oben herabhängt und sich nun bewegt, als würde er vom Winde geschüttelt. Sie schaut hin, und -- !

Ein wunderbares Licht, wie das Kind noch keines gesehen, ein zauberischer Glanz, der die Augen fesselt, ohne zu blenden. Und inmitten des Glanzes -- eine Frauengestalt...

Was sie da gesehen, hat Bernadette später hundert- und tausendmal beschreiben müssen. Nie hat sie sich widersprochen oder etwas hinzugefügt. Am besten hat wohl H. Lasserre das, was sie schilderte, in einem Gesamtbild wiedergegeben.

"Die Erscheinung",

so schreibt er, "hatte nichts Unbestimmtes oder Nebelhaftes... Lebende Wirklichkeit, ein menschlicher Körper, anscheinend greifbar wie unser Fleisch, unterschied sie sich von einer gewöhnlichen Frauengestalt nur durch den Strahlenkranz und die himmlische Schönheit. Sie war von mittlerer Größe, jung und voll Anmut, als ob sie kaum zwanzig Jahre zähle, und dieser sonst so flüchtigen Jugendfrische war der Stempel ewiger Dauer aufgedrückt. Noch mehr, es vereinigten sich in ihren himmlischen Zügen gewissermaßen die einzelnen Schönheiten aller vier Jahreszeiten des menschlichen Lebens, ohne jedoch deren Harmonie zu stören. Die unschuldige Offenheit des Kindes, die makellose Reinheit der Jungfrau, der milde Ernst des reifenden Alters und eine Weisheit, die alles Wissen verflossener Jahrhunderte überragt, waren, ohne sich gegenseitig zu verdunkeln, in diesem wunderbar schönen Frauenantlitze verschmolzen.

Die Regelmäßigkeit und ideale Reinheit ihrer Züge entzieht sich jeder Beschreibung. Die ovale Form ihres Gesichtes war von unendlicher Anmut, die Augen blau und von einer Milde, vor welcher das Herz eines jeden, der hineingeschaut, hätte zerfließen müssen. Die Lippen atmeten Güte und göttliches Wohlwollen; auf der Stirne thronte die höchste Weisheit, d.h. die Kenntnis aller Dinge, vereint mit einer Tugend ohne Grenzen.

Ihre Kleidung war weiß wie der fleckenlose Schnee der Berge, und in ihrer Einfachheit herrlicher als das Gewand Salomos in seiner Pracht. Das lange, schleppende Kleid der hehren Frau, das in züchtigen Falten herniederfloß, ließ ihre jungfräulich zarten Füße, die auf dem Felsen ruhten und die Zweige des Rosenstrauches leicht berührten, unbedeckt. Um ihre Hüften schlang sich ein himmelblauer Gürtel, der mit seinen langen Enden fast ihre Fußspitzen berührte. Von ihrem Haupte wallte ein faltenreicher, weißer Schleier hernieder, der die Schultern und den oberen Teil der Arme umhüllte und hinten fast bis auf den Saum des Kleides herabfiel.

Weder Ringe noch Halsband, weder Diadem noch sonstiges Geschmeide: nichts von all jenem Zierat, womit die weibliche Eitelkeit sich zu schmücken pflegt! -- Sie hielt in ihren andächtig gefalteten Händen einen Rosenkranz, dessen milchweiße Körner, an einer goldene Kette gereiht, durch ihre zarten Finger glitten..."

Die Stunde kommt -- Gott kennt sie! -- da auch wir nicht nur im Geiste und in der Phantasie, sondern mit eigenen Augen "schauen werden und überströmen" (Is. 60. 4), da wir nicht nur das schönste aller Geschöpfe sehen werden von Gottes Glanz umstrahlt, sondern den Schöpfer selbst, von dem auch ihre Glorie nur ein Widerschein, ein schwacher Strahl ist. "Und ich werde gesättigt werden, wenn sichtbar wird deine Herrlichkeit..." (Ps. 16, 15.)

Was empfand die kleine Seherin, als ihr zum erstenmal das Übernatürliche greifbar, lebendig gegenübersteht? -- Zunächst Schrecken -- dann Trost: eines der sicheren Zeichen, wodurch nach der Lehre der Theologen Erscheinungen göttlichen Ursprungs sich von solchen, bei denen der Teufel im Spiel ist, unterscheiden. -- War es der Schutzengel, der der Schauenden eingab, in die Knie zu sinken und nach ihrem Rosenkranz zu greifen? ... Ein Zeichen der Zustimmung von seiten der holdselig lächelnden Lichtgestalt -- ja, sie macht sogar das heilige Kreuzeszeichen zuerst und läßt gleichzeitig mit dem betenden Kinde die Perlen weitergleiten; nur beim "Ehre sei dem Vater" bewegen sich mitsprechend ihre Lippen...

Mit Maria die allerheiligste Dreifaltigkeit lobpreisen dürfen, ihr zu Füßen, vor ihren Augen die 50 Ave sprechen, zusehen, wie sie selbst die Perlen ihres Rosenkranzes berührt und dadurch ihr Wohlgefallen an dieser Gebetsweise kundgibt -- welch seliges Glück, das heiliger Kindeseinfalt zuteil geworden!... Wir brauchen sie nicht zu beneiden. Schließen wir die Augen und überzeugen wir uns recht lebhaft, daß die himmlische Mutter ein jedes andächtige, an sie gerichtete Gebet ebenso freudig lauschend entgegennimmt. Verbinden wir mit diesem Glauben das frohe Vertrauen, daß Maria unsere so oft wiederholten Akte gänzlicher Hingabe an sie wohlgefällig angehört hat und darum all unsere Werke und Gebete in ihren reinen Händen Gott aufopfert --- und siehe, wir sind ebenso glücklich wie Bernadette! Freilich schauen wir Maria nicht leiblich, aber selbstlose Liebe freut sich, je größer das Opfer ist, das sie durch ihren reinen Glauben bringt.

Als Bernadette den Rosenkranz beendet hatte, verschwand die Erscheinung. Wohl 20 Minuten mochte das entzückte Schauen gewährt haben. Die anderen Mädchen kommen mit Reisig beladen zurück, etwas verwundert, die Zurückgebliebene im Gebete zu finden. Diese durchwatet jetzt das Wasser, um sich den beiden anderen anzuschließen, die ihr Holz zusammenbinden, bevor sie sich auf den Heimweg machen. Jetzt dünkt sie das Wasser ganz warm. Ist ein Herz voll von Himmelsglück, wie geht es dann so spielend über Erdenschwierigkeiten hinweg!

Wir wären wohl gerne den Weg mitgegangen zu Bernadettes armem Elternhaus und hätten von ihren zögernden Lippen den allerersten Bericht vernommen, den das inständige Bitten der beiden Weggefährtinnen ihr abgerungen... Sie hatten aus Bernadettes Benehmen und Andeutungen ja schon bemerkt, daß etwas ganz Außerordentliches vorgefallen war. Die Mädchen schenkten ihr Glauben -- doch die Mutter daheim nannte das Vorkommnis Täuschung und verbot der Tochter, nach dem Felsen zurückzukehren.

 

Weitere Erscheinungen (1.)

Wenn Gott etwas will, erreicht er seine Absicht, mag auch der Menschen Freiheit, die er allzeit respektiert, ihm zuerst die Hände zu binden scheinen. Bernadettes stilles Heimweh nach der Grotte und die Bitten, mit denen ihre ältere Schwester und deren Freundin ihre heißen Wünsche unterstützten, bewogen die Mutter zur Nachgiebigkeit. Mit ihrer Erlaubnis kniet die kleine Seherin am Nachmittag des Sonntags, der auf den Donnerstag der ersten Erscheinung folgte, wieder vor dem geheimnisvollen Felsen, von einem Kreis neugieriger junger Mädchen umgeben. Man hatte ihr geraten, Weihwasser zu sprengen, um zu erproben, ob das, was sie sah, von Gott oder vom Teufel komme... "Sie ist nicht böse..." sagt Bernadette zu den Umstehenden. "Sie nickt zustimmend und lächelt uns alle an!"

Wieder ein paar Tage, an denen die Angst, ihr Kind dennoch getäuscht zu sehen, die Mutter zur ersten Strenge zurückkehren läßt. -- "Du machst ja unsere ganze Familie zum Spott der Leute!" -- Diesmal bedient sich Gott zweier frommer Frauen, die das Amt der Fürbitterinnen übernehmen. Nicht ohne Erfolg! In ihrer Begleitung eilt Bernadette beim ersten Morgengrauen des darauffolgenden Donnerstags trotz ihres Asthmas geflügelten Fußes dem Orte ihrer Sehnsucht zu. Die beiden andern können ihr kaum folgen. Die eine der Frauen hat eine geweihte Kerze mitgebracht. Zum erstenmal brennt Licht zu Gottes und Mariens Ehre an jenem Ort, der einst im Glanze von so vielen Tausenden von Kerzen erstrahlen sollte...

Und nun beginnt, was wir den gottgewollten Kampf zwischen Wahrheit und Zweifel nennen können, jene Reihe von Tagen, die die Übernatur hereinragte in die Welt des Sichtbaren, und die Menschen mit Recht erst den Beweis der Tatsachen abwarteten, um dem, was nur eine einzelne schaute, auch ihrerseits den freudigen Glauben nicht zu verweigern. Für das schlichte Hirtenkind, das kaum erst lesen gelernt, das in pyrenäischer Mundart sprach und keine andere Gebete als die im Rosenkranz enthaltenen kannte, stand tatsächlich in jenen seligen Tagen der Himmel offen. Wieder und wieder sah sie den Lichtglanz aufstrahlen, der stets die Ankunft der erhabenen Frau ankündigte; wieder und wieder ward sie vertrauter Zwiesprache mit ihr gewürdigt.

Geheimnisse hat die Königin des Himmels dem Kinde verraten, wie man es sonst unter Freundinnen tut; gebeten hat sie so, als handelte es sich um eine ihr zu erweisende Gefälligkeit, daß ihre kleine Vertraute sich 14 Tage hindurch täglich an der Grotte einfinden möchte. Die erhabene Frau ist fast aus der Nische herausgetreten, um sich ihr zu nähern; sie hat an dem Tage, da ein treues Marienkind in Bernadettes Nähe kniete, auch diese voll Liebe angeschaut und auf die Frage, ob die beiden Frauen, die damals zuerst Bernadette begleitet, auch weiterhin mitkommen dürften, zur Antwort gegeben: "Sie mögen mit dir kommen, sie und noch andere; ich wünsche viele Leute hier zu sehen!"

Sie hat aber auch einen undurchdringlichen Schleier von Würde und Majestät um sich gezogen, die das in Sünden geborene Adamskind vor ihr mit der Stirne in den Staub zwang. Trotz wiederholter Bitte, ihren Namen zu nennen, ward dem Kinde wochenlang die Antwort verweigert. Es ist auch vorgekommen, daß im Verlauf der 14 Tage die erhabene Königin vergeblich auf ihr Erscheinen warten ließ. Und dies, obgleich die Kleine, allen Hindernissen zum Trotz, gehorsam sich eingefunden hatte, und auch sonst alle Voraussetzungen zur Erfüllung ihres heißen Sehnens gegeben waren. -- Das Lächeln der Verklärung konnte sich auch zeitweise in einen Ausdruck tiefster Traurigkeit verwandeln, wie dies besonders bei zwei Gelegenheiten der Fall war.

Da war ein Tag, an dem die Zuschauer Tränen über Bernadettes Gesicht rinnen sahen und auf ihre Frage nach deren Grund den Aufschluß erhielten: die "Dame" habe sich eine Zeitlang weggewandt von ihr und, wie in einem Augenblick die ganze Erde überschauend, auf die Frage, was sie betrübe, geantwortet: "Bete für die Sünder!" Drei Tage später war es wieder eine Wolke der Traurigkeit, die sich auf das bisher verklärte Geischt der kleinen Seherin niedersenkte. Den Zuschauern schien, als lausche sie nach dem Felsen hin. Wie nach Vernehmen einer Trauerbotschaft sahen sie, daß Bernadette schmerzvoll ihre Arme sinken ließ. Dabei flossen ihr reiche Tränen über die Wangen. In tiefdemütiger Stellung stieg sie alsdann den Abhang bis zur Grotte empor, bei jedem Schritt den Boden küssend. Vor dem Rosenstrauch angekommen, verbeugte sie sich abermals; den Kopf zur fensterähnlichen Öffnung erhoben, schien sie einen geheimnisvollen Befehl entgegenzunehmen. Danach wandte sie sich, das Antlitz noch in Tränen, den Versammmelten zu und wiederholte dreimal mit von Schluchzen erstickter Stimme: "Buße! Buße! Buße!"

Ohne jeden Zweifel war es die Wiederholung dessen, was sie eben von Mariens Lippen vernommen -- die Mahnung, den einzigen Rettungsanker zu ergreifen, der die sündenbeladene Welt vor dem Untergang bewahren kann. Gott tat in seiner Barmherzigkeit das Äußerste, indem er als Erwiderung und Bestätigung der 4 Jahre vorher erfolgten Dogmatisierung der Unbefleckten Empfängnis die hehre Königin selbst zur Erde herniedersteigen ließ, um den Sündern ein Mutterherz und durch sie leichten Zutritt auch zu seinem Herzen zu erschließen. Die Menschen sollten aber auch erkennen und zugestehen, daß sie seinen Zorn auf sich geladen hatten. Sie sollten lernen, sich tief, tief zu beugen, gleichsam dem Erdboden zu danken, daß er sie noch trage und nähre. Sie sollten freiwillig Strafe und Sühne auf sich nehmen, um den zur Züchtigung erhobenen Arm der göttlichen Gerechtigkeit zurückzuhalten. Als Lohn ständen Ströme der Barmherzigkeit bereit, sich über die gedemütigten, reuigen Gotteskinder auszugießen. Das also war es, was Bernadettes äußere Zeichen der Zerknirschung, ihr Sich-Fortbewegen auf den Knien, ihr häufiges Bodenküssen und ihre Mahnung zur Buße sagen sollten!

Und dasselbe war es auch, was die große Stunde der bedeutungsvollen Erscheinung vom 25. Februar predigte. Tief enttäuscht kehrten an jenem Donnerstag viele der Zuschauer, die bisher mit so viel Rührung die ekstatisch verklärten Züge der kleinen Seherin angestaunt, von der Grotte zurück. Sie glaubten, das Mädchen habe den Verstand verloren... Hatte sie doch angefangen, in einer Ecke der Höhle niedergekauert, mit ihren Fingern den Boden aufzukratzen -- hatte eine schlammige Flüssigkeit, die sich unter ihren Händen zu zeigen begonnen, an den Mund geführt, ja, sich sogar das Gesicht damit gewaschen; schließlich hatte sie noch von dem Unkraut gegessen, das da aus dem felsigen Boden sproßte...

Arme kleine Bernadette! Das war die große Probe deiner selbstvergessenden Einfalt -- und du hast sie glänzend bestanden! Du hast nicht daran gedacht, was die Menschen sagen würden, sondern nur, was die hohe Dame, als deren geringe Magd du dich fühltest, von dir begehrte. Du hast ihr geglaubt, als sie von einer "Quelle" sprach, obschon du nur Felsen und steinigen Boden erblicktest. Du hast trotz des natürlichen Widerwillens von dem so trüben, schlammigen Naß "getrunken", hast dich "gewaschen" mit dem, was natürlicherweise nur beflecken konnte, und hast "gegessen", was du vorher nicht für eßbar gehalten. Und hernach zum gewöhnlichen Zustand zurückgekehrt, bist du nach Hause gegangen mit denen, die dich wie immer ausfragten und hast ihnen kindlich und einfach Rechenschaft gegeben von dem, was dich die "Dame" geheißen.

O wir stolze und ungeduldige Erwachsene! Ist auch nur ein einziger unter uns, der nicht in die Schule gehen müßte bei diesem Kinde, das der Heilige Geist in seiner Weisheit unterrichtet hatte? -- Gottes Weisheit ist nicht wie die der Menschen. Ihr Urquell ist die Wahrheit, ihr Handeln Gerechtigkeit. Was liegt daran, wenn wir nicht einsehen, wenn Menschenurteil uns mißversteht! Möge nur allezeit und in allem bis ins Kleinste der heilige Wille Gottes geschehen! Was Gott wünscht und verfügt, kann nicht sinn- und zwecklos sein; die Folge wird es jeweils zeigen, und sei es auch erst nach längerer Probefrist. Wahre Demut kann warten...

Hier brauchte es kaum einen Tag, und schon rechtfertigten die Ereignisse Bernadettes mißverstandenes Benehmen. Bereits am Nachmittag fanden einzelne Besucher zu ihrer Überraschung, daß sich ein kleines Wasserbändchen, etwa so dick wie ein Finger, von der Grotte zum Gave schlängelte. Schon hatte das geringfügige Wässerlein sein bestimmtes, genau nachweisbares Rinnsal gefunden. Und gerade von jenem Punkte ging diese Wasserader aus, an dem vor etlichen Stunden Bernadette die Erde aufgegraben hatte. Die Quelle wuchs von Stunde zu Stunde. "Zuerst infolge ihres gewaltsamen Durchbruches durch die Erdschichten noch etwas schlammig, wurde sie nach Verlauf einiger Tage hell und klar. Von nun an sprudelte sie immer gleichmäßig in einem Wasserstrahle, der fast die Stärke eines Kinderarmes hatte, aus der Erde hervor."

Und dies Wasser "heilte die Kranken, von was immer für einer Krankheit sie behaftet sein mochten" (Joh. 5. 4). Es war kein Zufall (für den gläubigen Menschen gibt es dies ja überhaupt nicht!), daß gerade am Tag, der auf die Entdeckung der wunderbaren Quelle folgte, in allen Messen das Evangelium, das vom Bethesdateich erzählt, verlesen wurde. -- Am gleichen Tag wirkte Gott durch das Segenswasser, das Mariens Fürbitte der Welt schenkte, das erste Wunder! Der seit 20 Jahren schwer augenleidende, später fast gänzlich erblindete Bouriette ließ sich in himmelanstürmendem Vertrauen ein Glas von dem noch trüben Quellwasser bringen, wusch das so lang erkrankte Auge, wusch es wieder und wieder -- und ward sehend.

Am Abend kamen die Standesgenossen des Geheilten -- er war Steinbrecher -- und gruben ein Sammelbassin für das Grottenwasser, richteten ein hölzernes Rinnsal zurecht, damit das immer stärker anschwellende Bächlein einen Abfluß in den Gave finde und stellten am steilen Felsen einen möglichst sicheren Serpentinenpfad her, damit man ohne Beschwerde den Ort der Gnade erreichen könne. Niemand hatte sie dazu beauftragt. "Die allerseligste Jungfrau wird uns schon bezahlen!"... Am selben Abend hat auch, ganz dem Impuls des begeisterten Volkes entsprungen, die erste Lichterprozession stattgefunden, der nun so viele, viele in all den Jahren folgen sollten.

Weitere Erscheinungen (2.)

Wie wir überall in der Schöpfung bemerken, wachsen Gottes Werke langsam aber stetig, mit größter Zielsicherheit, trotz Anwendung unscheinbarer Mittel. Das erkennen wir auch in den Ereignissen von Lourdes, wenn wir die ganze Serie der Erscheinungen überschauen bis zum Ende der von der Himmelskönigin begehrten 14 Tage.

Kehren wir nochmals zum Sonntag, dem 14. Februar, zurück. Mit ein paar Freundinnen, die der widerstrebenden Mutter die Erlaubnis abgebettelt hatten, ist Bernadette, ihr Weihwasserfläschchen in der Hand, zur Grotte gekommen. Eine noch größere Freundlichkeit auf den Zügen der himmlischen Erscheinung war die Wirkung der kindlichen Probe. Ganz entzückt und hingerissen von der Schönheit der überirdischen Lichtgestalt gerät Bernadette in eine Ekstase, die sie aller Bewegungsfreiheit beraubt, so daß ein herbeigerufener Müllerssohn sie vom Ort der Gnaden wegbringen mußte.

Erst vier Tage später ist Bernadettes Mutter soweit umgestimmt, daß sie ihr Kind in Begleitung verläßlicher älterer Freundinnen wieder zum geheimnisvollen Felsen gehen läßt. Tinte und Papier haben sie diesmal mitgenommen, damit die Erscheinung, die ja auch eine Seele aus dem Fegfeuer sein konnte, ihre Wünsche niederschreibe... Die kleine Seherin ist heute ihrer Sinne völlig mächtig und vernimmt selig trunken die ersten Worte von der Gottesmutter Lippen: "Was ich dir zu sagen habe, brauche ich dir nicht aufzuschreiben"... dann die Bitte, durch 14 Tage wiederzukommen und schließlich die bekannte Verheißung: "Ich werde dich glücklich machen, aber nicht in dieser Welt!"

Am folgenden Tage kommt auch des Kindes Mutter mit. Die Unbefleckte verspricht ihrer Vertrauten für später wichtige Offenbarungen. Wie zart, die ganze Art und Weise himmlischen Vorgehens! Die Verheißung künftiger Gnadenerweise erweckt Sehnsucht, sie zu erhalten -- sich für heute mit der hoffenden Erwartung begnügen zu müssen, läßt ihr die eigene Kleinheit und Ohnmacht zum Bewußtsein kommen.

Als erste dieser vesprochenen Offenbarungen empfängt die Glückliche am nächsten Morgen eine für sie allein bestimmte Belehrung: Wort für Wort spricht ihr die Königin des Himmels ein Gebet vor, das so recht für ihre persönlichsten Herzensbedürfnisse passend war... Wie oft und gerne mag sie seitdem mit diesen Worten zu Gott gefleht haben! Die Erwiderung bildeten all jene Gnaden und himmlischen Führungen, die aus dem Hirtenmädchen von Lourdes die geweihte Gottesbraut Maria Bernarda von Nevers und nun die heilige Bernadette im Himmel gemacht haben.

Von jenem 20. Februar an zählen die Zuschauer des geheimnisvollen Verkehrs zwischen Erde und Himmel nach Hunderten und bald Tausenden. Was zog all die Scharen so mächtig hin zu den rauhen Felsen, wo der Rosenstrauch wuchs und der Gave vorbeirauschte? Leer und öde war für die Augen aller anderen die Felsennische; kein Ton der Stimme, die für Bernadette wie Himmelsmusik erklang, drang jemals an eines anderen Ohr. Und doch fühlten sich die Seelen dort so reich, so beseligt, so gottnah. "Man sah ihre Stirne erglänzen", so beschreibt meisterhaft Lasserre das Schauspiel, das in den Februar- und Märztagen 1858 eine so unwiderstehliche Anziehungskraft auf alle ausübte, die Bernadette umgaben, "das Blut stieg ihr jeoch keineswegs zu Kopfe; im Gegenteil, es überzog eine leichte Blässe ihr Antlitz, als ob die Natur in Gegenwart der sich offenbarenden Erscheinung ihre Ehrfurcht an den Tag legen wollte. Die Züge des Kindes verklärten sich mehr und mehr... Der halbgeöffnete Mund stammelte Bewunderung und Entzücken und schien in langen Zügen den Himmel einzuatmen. Ihre unbeweglichen, von Wonne strahlenden Augen waren in die unsichtbare Schönheit versenkt... Die Kleine schien der Erde gar nicht mehr anzgehören. Sie war wie ein Engel der Unschuld, welcher, der Welt entrückt, an der halbgeöffneten Pforte des Paradieses anbetend niedersinkt."

Man empfing den Eindruck, Bernadette gewöhne sich sozusagen nach und nach an den Verkehr mit der übernatürlichen Welt. Ihre Ekstasen hinderten sie bei den späteren Erscheinungen nicht mehr, wenigsten teilweise sich dessen bewußt zu sein, was um sie herum vorging. Ihr Puls schlug ruhig und regelmäßig, wie sich der neben ihr stehende Arzt selbst überzeugte.

Man hat wohl mit Recht angenommen, die drei Geheimnisse, die Maria ihrer kleinen Vertrauten im Laufe der Erscheinungen mitteilte, hätten die Lösung des Rätsels ergeben, wie es möglich war, daß Bernadettes Seele sich gegen alle Pfeile der Anreizung zur Eitelkeit als unverwundbar erwies. Auch der Umstand, daß weder Bernadette noch ihre Eltern jemals irgendwelchen materiellen Vorteil aus dem ihnen so reichlich entgegengebrachten Interesse ziehen wollten, hängt höchstwahrscheinlich mit einer in Form eines "Geheimnisses" erteilten Mahnung der hehren Frau zusammen. Sicherheit werden wir darüber nie erhalten: denn die Seherin hat, was ihr unter dem Siegel der Verschwiegenheit mitgeteilt worden, unausgesprochen mit ins Grab genommen.

Es ist nicht zu verwundern, daß die stets wachsenden Ansammlungen von Menschen an der Grotte und die begeisterten Berichte der Augen- und Ohrenzeugen die Aufmerksamkeit weiter Kreise, besonders auch der Obrigkeit, erweckten. Durch viele Seiten hin zieht sich in den Büchern Lasserres und Estrades die Schilderung der Anfeindungen, die sich nur zu bald gegen Bernadette und ihre Behauptungen erhoben. Verkennung und Verfolgung ist ja geradezu ein charakteristisches Merkmal für Dinge, die den Stempel des Göttlichen an sich tragen. Der Glanz des Geheimnisvollen und Erhabenen erregt Neid und Widerspruch und die Tatsache, daß bei solch außerordentlichen Ereignisssen die Gefahr der Täuschung auch wirklich besteht, macht es selbst den Guten und Gläubigen zur Pflicht, wenigstens zu Anfang abwartend und vorsichtig zu sein. Das gilt am allermeisten für jene Personen, denen obrigkeitliche Gewalten, geistliche oder weltliche, anvertraut sind. Es war darum sicher ganz nach Gottes Willen, daß auch der Pfarrer von Lourdes und der Bischof von Tarbes, dem Lourdes damals unterstellt war, der Seherin und allem, was sich zutrug, zunächst sehr wenig Entgegenkommen erwiesen.

"Geh und sage den Priestern, daß ich an diesem Orte eine Kapelle errichtet haben will!" Mit diesem ersten Auftrag der unsichtbaren "Dame" kam Bernadette zum gestrengen Pfarrer Peyramale, der sich vorerst in keiner Weise bereit zeigte, den angeblichen Befehl zu erfüllen.

"Ich will, daß man in Prozession hierherziehe!" so hatte das schücherne Kind ein andermal auszurichten. Es erhielt einen ablehnenden Bescheid; im übrigen sei hierfür die bischöfliche Behörde zuständig.

Was Bernadette in jenen Tagen und noch lange Zeit nachher zu leiden hatte, läßt sich gar nicht vollständig ermessen. Wie mußte es dem braven Schulkind zumute sein, wenn ihre Lehrinnen, die Ordensfrauen, sie mit Worten anredeten: "Du böses Kind, wie unwürdig benimmst du dich! Wie unheilig störst du die Ruhe der Fastenzeit!" -- und auch noch Mitschülerinnen in den herben Spott miteinstimmten!... Was empfand sie, als gar ein mit den Zeichen der öffentlichen Gewalt bekleideter Polizeibeamter auf sie zukam, um sie im Namen des Gesetzes festzunehmen und vor den Polizeikommissar zu führen?... Es blieb nicht bei nur einem Verhör, dem das Kind dort unterzogen wurde. Merkwürdigerweise zeigte die Kleine sich aber jedesmal ungemein ruhig und sicher, von wem und unter was für Umständen sie auch immer über das, was die Erscheinung betraf, ausgefragt werden mochte. Von Natur schüchtern, im Benehmen bescheiden, in Gegenwart Unbekannter sogar etwas scheu, zeigte Bernadette in dieser einen Beziehung einen unbeugsamen Mut und eine unwandelbare Festigkeit in ihren Behauptungen.

Das ist eben wieder eine von den begleitenden, an Wunder grenzenden Tatsachen, die die Echtheit der Ereignisse von Lourdes bestätigen!

Ganz geheimnisvoll war auch der Umstand, den keiner ihrer Biographen übergeht: jene innere Gewalt, die Bernadette sanft aber unwiderstehlich zur Grotte hinzog, ja sie eines Tages trotz des engegengesetzten Befehls der Eltern schier zwang, auf dem bereits angetretenen Schulweg umzukehren und die Richtung nach den Felsen von Massabielle einzuschlagen.

Die Überzeugung von der Unmöglichkeit, daß ihr sonst so gehorsames Kind sie anlügen oder sich verstellen könne, muß sehr tief im Herzen der Eltern eingewurzelt gewesen sein, wenn der bloße Bericht Bernadettes über das Vorgefallene schon genügte, daß sie damals ihr Verbot ein für allemal zurücknahmen! Sicher war auch hier ein übernatürlicher Gnadeneinfluß im Spiel, dem die ehrlichen Herzen der braven Müllerseheleute unbewußt offenstanden...

Bernadettes Ekstasen währten bis zu einer Stunde. Bald in der verzückten Haltung einer heiligen Theresia, die mit dem Himmel Zwiesprache hielt, bald mit dem Ausdruck tränenvollen Schmerzes, gleich den Frauen, die betend unter dem Kreuz auf Kalvaria standen, bot der Anblick Bernadettes all den Umstehenden ein nie mehr zu vergessendes Schauspiel. Aus dem Zweifler Estrade war seit dessen erstem Besuch bei der Grotte zur Stunde der Erscheinung einer der eifrigsten Verteidiger der dortigen Ereignisse geworden. Mit ihm zogen die anwesenden Männer wie von selbst die Hüte ab, sobald die plötzliche Umwandlung auf den Zügen der Seherin die Gegenwart des nur ihr sichtbaren, höheres Wesens verriet. Der tausendfache Lärm, so schreibt Lasserre packend von den glücklichen Augenzeugen der Ereignisse jener Tage, wich ehrfurchtsvollem Schweigen. Wenn das heilige Meßopfer dargebracht wird, kann in den Kirchen nicht mehr Sammlung herrschen, als hier der Fall war... Jeder hielt gewissermaßen den Atem an. Ein zur Grotte geführter Blinder würde nie erraten haben, daß eine so zahllose Menschenmenge dort versammelt sei...

Bei den letzten Erscheinungen waren nach den Berichten wohl 15-20'000 oder noch mehr Zuschauer versammelt. Viele der jüngeren waren an den Felsen hinaufgeklettert oder hielten sich an Bäumen fest, in Stellungen, die lebensgefährlich schienen... Aber es ist nie einer verunglückt in jenen Tagen! Ein sichtbarer Gottesschutz schwebte über dem gebenedeiten Ort.

Es ist auch aufgefallen, daß das schöne Wetter während der 14 Tage angehalten hat. Erst nach der ununterbrochenen Reihenfolge schöner Tage, wie man eine solche seit mehreren Jahren nicht mehr erlebt, fiel am 5. März dichter Schnee, und der Zudrang zur Grotte ließ nach, indes immer neue Heilungen stattfanden.

Die große Offenbarung

Drei Wochen später. -- Die Sonne leuchtet wieder vom wolkenlosen Himmel. Die Kirche feiert das Fest "Mariä Verkündigung". Auch am Felsen von Massabielle geschieht endlich die große "Verkündigung", auf die mit Bernadette ganz Lourdes und viele Menschen aus Nah und Fern mit Sehnsucht gewartet hatten.

Nicht als wären am 25. März wie bei manchen der früheren Erscheinungen schier unzählbare Scharen bei der Grotte versammelt gewesen. Wenn wir das diesbezügliche Kapitel bei Estrade lesen, scheint es, als seien zu dieser großen Stunde nur die zu besonderen Gunsterweisen Auserwählten durch einen inneren Gnadenruf zum geheimnisvollen Felsen gerufen worden. "Man sah da und dort einige Männer knien"... die größere Anzahl bildete ein Kreis betender Jungfrauen und frommer Mütter, die eine Art Ehrenwache bildeten für die noch im Schleier des Geheimnisses verhüllte "Dame".

Heute sollte der Schleier gelüftet werden. Nicht ganz so, wie wir Menschen erwartet hätten. Wem ist nicht schon aufgefallen, daß selbst den verhältnismäßig deutlichsten Prophetenworten der Heiligen Schrift dennoch ein Rest von Geheimnisvollem anhaftet? Nur das Licht von oben kann darüber Aufschluß geben, was bildlich und was wörtlich verstanden werden muß. Der von Gott gesetzten Lehrautorität steht die Aufgabe zu, den Gläubigen die richtige Erklärung zu vermitteln. Kindlicher Demut und Unterwürfigkeit fällt dann zum Lohn die Erkenntnis der Wahrheit als reife Frucht in den Schoß.

Daß wir auch in Lourdes dieselbe Handlungsweise Gottes beobachten, ist einer der sichersten Beweise für den göttlichen Ursprung dessen, was sich dort zugetragen. Nach Verlauf der 14 Tage war Bernadette noch wiederholt zur Grotte gekommen. Man hatte sie in Stille und Einsamkeit dort beten sehen, die Augen in Sehnsucht zur Nische erhoben, die vorher im Glanz des Himmels geleuchtet. Aber öde und grau hatten die Felsen herniedergeschaut. Das Kind lernte dulden und warten. Denn, daß noch nicht das letzte Wort gesprochen war, das fühlte sie wie alle, die mit ihr gebetet.

Da ließ sich bereits am Abend des 24. März die innere Stimme so deutlich in Bernadettes Herzen vernehmen, daß sie ihren Eltern wie von einer ausgemachten Sache über das Glück sprach, das ihrer für den folgenden Tag an der Grotte wartete.

Die Freude ließ sie die ganze Nacht nicht schlafen, und kaum, daß der Morgen graute, erhob sie sich von ihrem Lager und eilte auf Flügeln der Sehnsucht dem glückverheißenden Felsen zu. Schon von fern strahlte die Nische -- die Himmelskönigin erwartete bereits ihr Gnadenkind. "Mit lächelndem Blick", so hat nachher die kleine Seherin berichtet, "schaute sie auf die Versammelten, ähnlich wie eine liebende Mutter ihre Kinder anschaut..."

O Königin der Liebe, schau heute mit gleicher Huld auf uns, die wir dich nicht weniger lieben, als damals die fromme Betergruppe am Fuß der Pyrenäenberge! Du kennst die Leiden, die uns heute niederdrücken -- Schutzfrau, Hoffnung der Hoffnungslosen, Trost der Betrübte, Hilfe der Christen, zeige auch jetzt, daß du Mutter bist!

Kein Wunder, daß Bernadette jetzt Mut faßte, ihre Bitte um Beantwortung der schon mehrmals vorgetragenen Frage zu wiederholen. Wie vorher neigte die Dame das Haupt, lächelte, aber antwortete vorerst nicht..

"Ich weiß nicht, warum", so fährt Bernadette zu erzählen fort, "aber ich getraute mich heute nochmals, um die Gnade zu bitten, sie wolle mir doch ihren Namen sagen. Und nochmals lächelte sie, neigte sich grüßend zu mir, aber verharrte in Schweigen. Da habe ich ein drittes Mal mit gefalteten Händen und meiner Unwürdigkeit, erhört zu werden, wohl bewußt, meine Bitte ausgesprochen..."

Bei dieser Stelle ihres Berichtes angekommen, geriet, wie Estrade schreibt, das Kind in Bewegung und fuhr folgendermaßen fort:

"Die Dame stand über dem Rosenstrauch und zeigte sich ähnlich, wie man sie auf der wundertätigen Medaille sieht. Auf meine dritte Bitte hin nahm ihr Antlitz einen ernsten Ausdruck an; sie schien sich zu verdemütigen... Darauf faltete sie die Hände und hob sie bis zur Brust empor..., sie schaute hinauf zum Himmel...; alsdann langsam die Hände ausbreitend und sich zu mir neigend, sagte sie mit leisem Zittern in der Stimme zur mir:

'Ich bin die Unbefleckte Empfängnis!'"

Beim Wiederholen dieser Worte neigte Bernadette das Haupt und ahmte die Gebärde der Dame nach.

So hatte denn Bernadette die Antwort erhalten -- aber sie verstand sie nicht. Fehlte noch ein unwiderlegliches Zeugnis für ihre Einfalt und Aufrichtigkeit --- hier hätten wir es erhalten. Die Zuschauer fielen jubelnd auf die Knie, als ihnen die Seherin mitteilte, was sie vernommen. Die einen küßten die Felswand, die anderen umarmten den Rosenstrauch, als wäre er ein lebendes Wesen oder eine kostbare Reliquie, und aus der Mitte der Beter erklang die bekannte Anrufung: "O Maria, ohne Makel der Erbsünde empfangen, bitte für uns, die wir zu dir unsere Zuflucht nehmen!"

Bernadette dagegen, zuerst fast enttäuscht, gab sich auf dem Heimweg alle Mühe, die Worte im Gedächtnis zu behalten. "Ich wiederholte sie auf dem ganzen Weg von der Grotte bis zum Pfarrhaus unausgesetzt", erzählte sie später; "bei jedem Schritt sagte ich im stillen: Unbefleckte Empfängnis, Unbefleckte Empfängnis; denn es lag mir daran, dem Herrn Pfarrer die Worte der heiligen Jungfrau zu überbringen, damit die Kapelle erbaut würde." Dabei hat sie, wie wir bei Estrade lesen, das Wort, das ihr so fremd war, nicht einmal korrekt ausgesprochen und in ihrer naiven Kindlichkeit die Schwester jenes Herrn, bei der sie am Nachmittag Besuch machte, gefragt: "Aber, Fräulein, was heißt denn das: Ich bin die Unbefleckte Empfängnis?"

Der Pfarrer von Lourdes, der sich anfangs so ablehnend verhalten, war von dem Tag an wie umgewandelt. Er wurde, wie Hoppe schreibt, ein wackerer, unerschütterlicher, treuer Vorkämpfer, Verteidiger und Beschützer alles dessen, was mit der Erscheinungsfrage irgendwie zusammenhing. Einst hatte er stolz gesprochen: "Wenn die Dame einen Namen angibt, so wird sie auch zu beweisen haben, daß es der ihrige sei!" -- Sie gab ihren Namen an -- sonst nichts -- und Peyramale glaubte! Sicherlich war er es auch, der dem Kinde die volle Erklärung des von ihr zuerst nicht Verstandenen gab, sodaß Bernadette fernerhin nie mehr den Ausdruck gebrauchte: "Die Dame", sondern sie mit seliger Andacht: "Unsere Liebe Frau von der Grotte" oder "von Massabielle" nannte.

Nur zweimal noch sollte es ihr vergönnt sein, das Angesicht zu schauen, das neben dem ihres göttlichen Sohnes die süße Wonne der Seligen im Himmel ausmacht. Können wir uns nur einigermaßen in die Höhe der Wonnen und die Tiefe erschauernder Ehrfurcht hineindenken, mit der das schlichte Hirtenkind nun vor derjenigen kniete, die sie mit seliger Gewißheit als die Königin Himmels und der Erde erkannte? Das mochten mehr himmlische als irdische Empfindungen gewesen sein!

Die beiden letzten Erscheinungen galten -- mehr noch als die früheren -- der kleinen Auserwählten ganz allein, um sie zu beglücken, um sie nicht auf einmal, sondern so nach und nach der Seligkeit des Verkehrs mit der jenseitigen Welt zu entwöhnen.

Die Biographen sind sich nicht einig, ob die vorletzte Erscheinung am Ostermontag oder -mittwoch stattgefunden. In der Osterwoche ist es jedenfalls gewesen. Bernadette sollte mit der Kirche ihr Alleluja singen. Bei dieser Gelegenheit war es auch, daß das auffallende Wunder mit der Kerze geschah. Dr. Dozous schildert in seinem Bericht, wie Bernadette, in der Ekstase betend, die Handfläche direkt über die brennende Kerze gehalten; wie sie nicht nur keinerlei Schmerz gefühlt, sondern wie auch nicht die geringste Verletzung an der Haut bemerkbar gewesen sei. In ihren gewöhnlichen Zustand zurückgekehrt, habe sie dagegen sofort mit deutlichem Erschrecken die Hand weggezogen, als man, um die Gegenprobe zu machen, das angezündete Licht ihr nahegebracht.

Zum allerletzten Male erschien dem begnadeten Kinde die Gottesmutter am 16. Juli, dem Fest U.L. Frau vom Berge Karmel. Bernadette hatte inzwischen die erste heilige Kommunion empfangen und war auch an diesem Tage am Tisch des Herrn gewesen. Als sie gegen Abend in der Pfarrkirche betete, vernahm sie unvermutet in ihrem Innern eine süß einladende Stimme, zur Grotte zu kommen. Die weltliche Obrigkeit hatte Schranken am Felsen errichten lassen, um den zahlreich hinströmenden Andächtigen den Zugang zu verwehren. So mußte die Seherin jenseits des Gave in der Wiese niederknien. Kaum hatte sich jedoch die Nische, nach der die Augen sehnend hinüberschauten, erhellt, da war für Bernadette die Abenddämmerung gewichen und, was räumlich ferne war, schien in nächste Nähe gerückt. Es war vielleicht die beglückendste aller Erscheinungen, die ihr zuteil geworden.

"Da ist sie! Sie grüßt uns und lächelt uns zu über die Schranken hinweg!" rief Bernadette entzückt den Umstehenden zu, die, als sie das Mädchen so freudig gen Massabielle eilen gesehen ihren Spuren gefolgt waren. Eine Viertelstunde lang durfte sie den Anblick voll Wonne genießen. Kein Wermutströpflein sollte die Süßigkeit der nur zu schnell dahineilenden Minuten verbittern. Sie ließen eine Erinnerung zurück, die in Bernadettes Seele nimmer erlosch, ein Ahnen des Glückes, das nun ihr Anteil ist auf ewig.

(Fortsetzung folgt)


Transkription P.O. Schenker, © by Immaculata-Verlag, CH-9050 Appenzell (Schweiz)