Aus dem Immaculata-Archiv:
Leo XIII.
Epistula Enzyklika "Octobri mense"
1891
Der Rosenkranz und die Gnadenvermittlung Mariens
I. Der Glaube wird bekämpft, darum betet den Rosenkranz!
Wieder naht der Oktober, der der Allerseligsten Jungfrau vom Rosenkranz heilig und geweiht ist. Dieser Monat weckt in Uns die liebe Erinnerung an alles, was Wir, ehrwürdige Brüder, in vergangenen Jahren Euch ans Herz legten. Ihr solltet Unserem Wunsche entsprechend durch Eure Autorität und Eure Bemühungen allenthalben in den Gläubigen Verständnis für die Liebe zur erhabenen Gottesmutter wecken, für die mächtige Helferin des christlichen Volkes. Im ganzen Monat wollten wir inniger und inständiger zu ihr flehen und im heiligen Rosenkranzgebet ihre Fürbitte anrufen, nachdem die Kirche gerade dieses Gebet in schwierigen Zeiten verrichtet, und zwar niemals ohne sichtbaren Erfolg. Auch diesmal wollen Wir Unseren Willen Euch kundtun. Es werden zwar die gleichen mahnenden Worte sein, nur noch ernster und nachhaltiger. Die Liebe zur Kirche, deren Notlage keine Erleichterung fand, sondern zunahm und bitterschwer auf Uns lastet, legt es Uns nahe. Es ist allen bekannt, was Wir beklagen. Bekämpft und kritisiert werden die Glaubenswahrheiten, die die Kirche heilighält und lehrt. Die strahlende Reinheit des christlichen Tugendlebens, das die Kirche verteidigt, wird nur noch verspottet. Mit haßerfüllten Verleumdungen wird der Stand der Oberhirten und insbesondere des römischen Bischofs vielfach überschüttet. Sogar die Person Christi, unseres Gottes, tastet man in freventlicher Dreistigkeit an. Alles zielt darauf hin, sein göttliches Erlösungswerk, das doch keine Gewalt zerstören und vernichten kann, vollständig zu vernichten.
Das ist freilich nichts Neues. Es ist das Los der kämpfenden Kirche. Denn will die Kirche den Menschen die Wahrheit verkünden und sie zum ewigen Heil führen, dann muß sie jeden Tag von neuem sich auf Kampf und Streit gefaßt machen, wie Jesus es den Aposteln vorherverkündet hat. Nachdem sie wirklich im Laufe der Jahrhunderte bis aufs Martyrium den Kampf führte, ist es ihre größte Freude und gleichzeitig ihr größter Ruhm, ihr Blut mit dem ihres Stifters zusammen zu opfern. In diesem Blut aber liegt ihre feste Hoffnung auf den ihr verheißenen Sieg.
Man darf sich jedoch nicht täuschen. Dieser fortwährende Kampf wird gerade für die Besten tiefes Leid mit sich bringen. Ist es nicht erschreckend traurig, daß so viele Menschen sich durch Irrtum und Bosheit zum Abfall von Gott bewegen lassen und ins Verderben stürzen, daß Gleichgültigkeit gegen jede Form der Religion sich immer mehr ausbreitet und mit ihr die Bereitschaft, den Gottesglauben überhaupt aufzugeben? Es gibt sogar nicht wenige Katholiken, die es nur noch dem Namen nach sind und ihre religiösen Pflichten gänzlich unterlassen. Beängstigender ist jedoch die Tatsache, daß die Staatsregierungen die Kirche in keiner Weise mehr achten oder daß man sich ihrem heilsamen Einfluß vorsätzlich widersetzt. Darin liegt die Wurzel aller trüben Zeiterscheinungen und verderbenbringenden Übel. Man hat den Eindruck, Gottes zürnende Gerechtigkeit habe die von ihm abgewichenen Völker mit Blindheit geschlagen und sie gegen alles empfindungslos gemacht.
II. Das Gebet des Rosenkranzes ist notwendig
Die Zeitumstände selber fordern täglich lauter die Notwendigkeit des Gebetes. "Ohne Unterlaß" sollten die Katholiken zu Gott beten und flehen mit Ausdauer. Nicht bloß zu Hause sollte man so beten, sondern erst recht öffentlich im Gotteshaus in der beharrlichen Gesinnung, Gott möge in seiner weisen Vorsehung die Kirche "vor den gottlosen, bösen Menschen" bewahren und die verworrene Welt durch Christi Licht und Liebe zur seelischen Gesundung führen.
Wenn wir das alles überschauen, stehen wir vor einer Erscheinung, die natürlicherweise nicht erklärt werden kann. Im Vertrauen auf Reichtum, Gewalt, Waffen, Talente geht die Welt ihren dornenvollen Weg. Sicher aber und ohne Bangen schreitet die Kirche in die Zeiten, auf Gott vertrauend, zu dem sie im Gebet Tag und Nacht Augen und Hände erhebt. Obwohl die Kirche alle übrigen menschlichen Hilfsmittel, die Gottes Vorsehung der Zeit entsprechend bietet, klugerwiese nicht vernachlässigt, setzt sie darauf doch nicht ihre stärkste Hoffnung, sondern vielmehr auf das inbrünstige und flehentliche Gebet. Es ist der Nährboden für das geistige Leben der Kirche, aus dem sie ihre Kraft nimmt. Das beharrliche Gebet führt sie sicher durch die verschiedensten Wechselfälle des Lebens und stellt eine dauernde Verbindung zu Gott her, so daß sie das Leben Jesu Christi unseres Herrn in sich aufnehmen und in friedlicher Ruhe nachleben kann. Die Kirche wird so Christus ganz ähnlich, dem auch die furchtbaren Todesqualen, die er für uns erlitten, in keiner Weise die selige Gottanschauung und das Glück darüber, das er empfand, herabgemindert oder gar genommen hat.
Diese tiefen Erkenntnisse der Weisheit waren allezeit gemeinsamer Besitz derer, die das Christliche in einem tugendhaften Lebenswandel verwirklichten. Ihre Gebete zu Gott wurden inniger und häufiger, sooft über die heilige Kirche oder ihren obersten Lenker Unglück durch Trug oder Gewalt hereinbrach. Die Gläubigen der Urkirche zeigen darin ein glänzendes Beispiel. Dieses Beispiel sollte für alle Gläubigen nachfolgender Zeiten eine Mahnung sein. Petrus, der Statthalter Christi des Herrn und der oberste Vorsteher der Kirche, wurde damals auf Befehl des lasterhaften Herodes in Ketten gelegt und zum sicheren Tode verurteilt. Auf menschliche Weise war für ihn keine Hilfe zu erwarten. Jene Hilfe aber, die ein heiliges Beten von Gott erwirkt, war nahe. Die Heilige Schrift berichtet von dem innigen Gebet für Petrus: "Die Kirche aber betete ohne Unterlaß für ihn zu Gott." Großer Kummer und große Sorge ließen dieses Gebet zu einer lodernden Flamme werden. Deshalb wurde das Gebet erhört, und jedes Jahr erinnern wir uns in froher Festfeier an das Wunder der Befreiung des heiligen Petrus.
Noch ergreifender ist das Beispiel, das Christus selbst uns gab. Nicht nur durch Vorschriften sollte er seine Kirche bilden und formen, sondern durch seine Person selbst, das heißt durch sein Vorbild zur Heiligkeit führen. Oft und oft hatte er sich während seines Lebens ganz dem Gebet hingegeben, aber in den letzten Stunden, als seine Seele im Garten Gethsemani von unendlicher tiefer Traurigkeit und Angst bis zum Tode befallen war, betete er nicht nur wie gewöhnlich zum Vater, sondern "nur noch inständiger". Sicherlich geschah das nicht seiner selbst wegen. Weil er Gott ist, hatte er nichts zu befürchten und zu entbehren. Für uns geschah es, für seine Kirche, deren zukünftige Tränen er damals gerne und freiwillig zu seinen Tränen machte und zu Quellen der Gnade.
III. Maria ist die Mittlerin aller Gnaden
Das Geheimnis des Kreuzes hat unserem Geschlecht das Heil gebracht. Der Triumph Christi ließ die Kirche erstehen und übergab ihr die Verwaltung dieser Heilsgnaden auf Erden. Seitdem hat eine neue Heilsordnung ihren Anfang genommen und für das neue Volk Gottes Geltung erlangt. Nur mit großer Ehrfurcht wagen Wir es, uns diesem göttlichen Gedanken zu nähern.
Als Gottes ewiger Sohn zur Erlösung und Erhebung des Menschen die menschliche Natur annehmen wollte, hegte er die Absicht, einen geheimnisvollen Ehebund mit dem ganzen Menschengeschlecht zu schließen. Vorher aber wollte er sich der ganz freien Zustimmung seiner auserwählten Mutter versichern, die in Person die Rolle des Menschengeschlechtes vertrat, nach den klaren und treffenden Worten des Aquinaten: "In der Verkündigung erwartete man die Zustimmung der Jungfrau an Stelle des ganzen Menschengeschlechtes." So gewiß uns nun "Gnade und Wahrheit durch Jesus Christus zuteil wurde", ebenso richtig ist die Behauptung, daß nach Gottes Willen die Gnaden aus diesem Schatz uns nur durch Maria vermittelt werden. Wie niemand zum Vater im Himmel kommen kann, es sei denn durch den Sohn, so ähnlich kann niemand zu Christus kommen, es sei denn durch seine Mutter.
Welche Weisheit und Barmherzigkeit Gottes leuchtet uns aus diesem Plane auf! Wie ist alles so herrlich unserer menschlichen Schwäche und Gerechtigkeit angepaßt! Wir haben allen Grund, mit gläubigem Herzen diese unendliche Güte Gottes zu preisen, aber auch die unendliche Gerechtigkeit Gottes zu fürchten. Den wir als liebevollen Erlöser wieder lieben, weil er Blut und Leben hingab, den müssen wir als strengen Richter auch fürchten. Aus dieser Angst der Sünden wegen erhebt sich für uns die Notwendigkeit einer fürbittenden Schutzmacht, die bei Gott in Gunsten steht und die an Güte des Herzens so überragend ist, daß sie niemanden, der verzweifelt, die Hilfe versagt, und den Schmerz- und Leidgebeugten wieder Hoffnung auf die göttliche Barmherzigkeit gibt.
IV. Maria hat geholfen und wird helfen
So ist Maria. Sicherlich ist sie mächtig, weil sie die Mutter des allmächtigen Gottes ist; aber was sie noch mehr auszeichnet und viel schöner klingt: sie ist die Güte, Nachsicht und Barmherzigkeit selbst. Gott hat sie uns so geschenkt. Weil er sie zur Mutter seines eingeborenen Sohnes erwählte, hat er ihr auch die Gefühle einer Mutter eingeflößt, und die sind nichts anderes als Liebe und Nachsicht. Auf diese Weise hat auch Jesus Christus durch seine ganze Handlungsweise auf sie hingewiesen, als er Maria untertan und gehorsam sein wollte wie ein Sohn einer Mutter. Noch vom Kreuze herab hat er auf sie hingewiesen, als er ihr in Johannes, seinem Jünger, die ganze Menschheit zur Obhut anvertraute. Maria selbst hat sich als eine solche Mutter wirklich bewährt, indem sie voll Hochherzigkeit von ihrem sterbenden Sohn dieses unendlich schmerzliche Erbe übernommen und sofort ihre Muttterpflichten gegen alle ihre Kinder ausübte.
Die heiligen Apostel und die ersten Gläubigen haben sich in heißer Liebe in diese Pläne der göttlichen Liebe und Barmherzigkeit vertieft, die mit Maria ihren Anfang genommen und im Testament Christi ihre letzte Bestätigung erhalten hatten. Ebenso verhielt es sich mit den Kirchenvätern. Ihre Lehre über diesen Gegenstand wurde einmütiger Glaube aller christlichen Völker in allen Zeiten der Geschichte. Wenn auch schriftliche Aufzeichnungen fehlen, die aus jeder christlichen Brust vernehmbare Stimme spricht deutlicher als geschichtliche Erinnerungen. Nur aus dem göttlichen Glauben kann man es erklären, daß wir, von einem gewaltigen Zug des Herzens bewegt, uns überaus sanft zu Maria hingezogen fühlen. Seit frühester Zeit liegt uns nichts mehr am Herzen, als unter Mariens Schutz und Schirm zu fliehen, weil wir ihr alle unsere Gedanken und Werke, unsere Reinheit und unsere Bußgesinnung, unsere Sorgen und Freuden, unsere Wünsche und Bitten gänzlich anvertrauen können. Sind wir nicht alle von der zuversichtlichen Hoffnung getragen, Gott werde durch die Fürbitte seiner heiligsten Muter mit besonderer Liebe und besonderem Wohlgefallen entgegennehmen, was ihm selbst weniger lieb ist, falls es von unseren unwürdigen Lippen allein kommt. Mag der Trost auch groß sein, den die Seele aus dieser heilsamen Wahrheit schöpft, so ist anderseits auch der Schmerz und Kummer groß über jene, die ohne diesen göttlichen Glauben Maria weder grüßen noch als Mutter annehmen. Auch jene sind zu bedauern, die den heiligen Glauben bekennen, es aber wagen, die Marienverehrung als etwas Übertriebenes zu bezeichnen, ein Benehmen, wodurch sie den zarten Sinn, der Kindern eigen sein sollte, in hohem Maße verletzen.
Bei diesem Übermaß der Übel, die heute heftig auf die Kirche einstürmen, dürfte es allen frommen Kindern der Kirche nicht schwer sein, einzusehen, welch heilige Verpflichtung sie haben, Gott um so inständiger anzurufen und sich dafür einzusetzen, daß ihr Gebet sichtlichen Erfolg habe.Wir wollen daher dem Vorbild unserer Väter und Vorfahren nachfolgen und zu Maria, unserer heiligen Herrin, unsere Zuflucht nehmen. Maria, die Mutter Christi, die auch unsere eigene Mutter ist, wollen wir anflehen und einmütig anrufen.
| "Dich als Mutter zeige, daß durch dich sich neige unserm Fleh'n auf Erden, der dein Sohn wollt werden." |
V. Die Erhabenheit des Rosenkranzes
Unter den verschiedenen Formen und Arten der Muttergottesverehrung verdienen jene eine Bevorzugung, von denen wir bestimmt wissen, daß sie an und für sich schon wirkungsvoller sind, dann aber auch, weil sie der Gottesmutter mehr am Herzen liegen. Das gilt besonders vom Rosenkranz, auf den Wir mit besonderer Eindringlichkeit hinweisen. Diese Gebetsform führt allgemein deshalb den Namen Kranz, weil sie die großen Geheimnisse Jesu und seiner Mutter, ihre Freuden, ihre Leiden und Triumphe, derart miteinander verbindet, daß man diese Weise als vorbildlich betrachten kann. Wenn die Gläubigen der Reihe nach diese erhabenen Geheimnisse verehren und betrachten, dann wird diese Betrachtung ihnen zu einer großen Hilfsquelle werden. Der Glaube wird vermehrt und bewahrt vor Unwissenheit und um sich greifenden verderbenbringenden irrigen Lehren, wir selbst werden seelisch aufgerichtet und gestärkt. Durch dieses betrachtende Gebet werden die Gedanken des Beters durch die Erleuchtung und Führung des Glaubenslichtes unmerklich, aber wirkungsvoll auf jene Geheimnisse hingelenkt, die die Wiederherstellung des menschlichen Heiles anstreben. Die Betrachtung dieses unsagbar erhabenen Werkes, das durch einen so hohen Preis und durch eine Anzahl so großer Taten zustande kam, werden wir immer wieder von neuem bewundern müssen. So wird die Seele von Zuneigung und Dank der göttlichen Liebe gegenüber erfüllt; immer stärker wird in ihr die Hoffnung und das heiße Verlangen nach dem Himmel und seinen Belohnungen wach, die Christus denen bereitet hat, die seinem Beispiel gefolgt sind und sich ihm angeschlossen haben durch die Teilnahme an seinem Leiden. In das betrachtende Gebet verwoben sind die Worte jenes Gebetes, das der Herr selbst, der Erzengel Gabriel und die Kirche uns gelehrt haben. Ein Gebet, das in so vortrefflicher Weise Lob und Bitte miteinander verbindet und in bestimmter Reihenfolge immer wieder gesprochen wird, wird den Geist der Frömmigkeit stets aufs neue wecken und kann nicht ohne Erfolg bleiben.
VI. Ursprung und Verbreitung des Rosenkranzes
Die Königin des Himmels selbst hat dem Rosenkranzgebet diese gewaltige Wirkkraft geschenkt. Als der berühmte heilige Dominikus, sicher infolge einer höheren Anregung, dieses Gebet einführte und verbreitete, geschah es in einer Zeit, die der katholischen Sache verneinend und feindselig gegenüberstand und der heutigen Zeitlage fast aufs Haar gleichkommt; in diesen Verhältnissen hat der Rosenkranz sich als wirksame Waffe zur Niederringung der Glaubensfeinde bewährt. Zu jener Zeit hatte die Häresie der Albigenser sich schleichend und offen über viele Gebiete ausgebreitet. Diese Sekte geht zurück auf die Manichäer, deren schlimme Irrlehren, Verstellungskünste, Mordtaten und Haßausbrüche gegen die Kirche nun wieder aufs neue aufflammten. Alle menschlichen Mittel mußten gegen eine so gefährliche und sich über alles stolz hinwegsetzende Bewegung versagen. Gott griff selbst offensichtlich ein, und zwar durch die Hilfe des marianischen Rosenkranzes. Das Eingreifen der Allerseligsten Jungfrau, der glorwürdigen Besiegerin aller Irrlehren, hat die Macht dieser Unmenschen zerschmettert und zu Fall gebracht; sie hat Unzähligen den Glauben in seiner Reinheit gerettet. Ähnliche Ereignisse trugen sich mehr oder weniger bei jedem Volk zu. Die Geschichte der älteren und neueren Zeit bietet glanzvolle Zeugnisse, wie auf diese Weise Gefahren gebannt und auffallende Gebetserhörungen erlangt wurden.
Es ist noch ein Umstand zu erwähnen zur Bekräftigung des Gesagten, wie nämlich das Rosenkranzgebet seit seiner Einführung bei allen Ständen des Volkes in Übung kam. Das christliche Volk hat seine Verehrung und Liebe zur Mutter Gottes von jeher dadurch bewiesen, daß es ihre vielen und leuchtenden Vorzüge mit ebensovielen erhabenen Titeln zierte. Den Ehrentitel "Königin des heiligen Rosenkranzes" hat das Volk stets besonders geliebt. Das katholische Volk betrachtet diesen Titel gleichsam als ein Kennzeichen des Glaubens und einen Inbegriff aller Maria gebührenden Verehrung. So wurde sie genannt privat und öffentlich, zu Hause in der Familie, in den Bruderschaften und Prozessionen. Altäre tragen diesen Namen, um kundzutun, daß man in keiner erhabeneren Weise ihre heiligen Feste feiern oder ihren gnadenvollen Schutz erlangen kann als unter dem Titel der Rosenkranzkönigin.
Ein weiterer Punkt verdient hier Erwähnung, der auf einen ganz besonderen Gnadenerweis unserer himmlischen Herrin hindeutet. Nach langer Zeitdauer kann es der Fall sein, daß der religiöse Eifer eines Volkes abnimmt und diese Gebetsübung vernachlässigt wird. Wenn der Staat dann später eine schwere Krise durchzumachen hatte oder andere drückende Not auf ihm lastete, zeigte es sich, wie dann stets die Rosenkranzandacht, mehr als andere religiöse Hilfsmittel allgemeinem Wunsche entsprechend, wieder eingeführt wurde. Es erübrigt sich, Beispiele aus der Vergangenheit anzuführen, weil die Gegenwart es uns strahlend beweist. In userer Zeit, die, wie erwähnt, für die Kirche so bitter ist, am bittersten abe für Uns, weil Wir nach göttlichem Ratschluß ihr Steuer führen, kann man nur staunend und bewundernd feststellen, mit welcher Liebe und Teilnahme überall in den katholischen Völkern der marianische Rosenkranz gebetet und in Ehren gehalten wird. Man täuscht sich nicht, wenn man dieses alles auf Gott zurückführt, der die Menschen führt und leitet. Es geht nicht an, darin eine Äußerung menschlicher Klugheit und menschlichen Tatendranges zu sehen. Gerade dieser Umstand aber tröstet und erfreut Unser Herz und erfüllt Uns mit großem Vertrauen, unter Mariens mütterlicher Führung werde die Kirche sich immer weiter ausbreiten und neuen Triumphen entgegenschreiten.
VII. Der Rosenkranz ist das Gebet im Namen der Kirche und das Gebet der Kirche
Was Wir bisher darlegten, leuchtet vielen ein. Weil jedoch der erhoffte Firede und die ruhige Sicherheit für die Kirche noch nicht angebrochen ist und vielleicht noch schlimmere Entwicklungen zu befürchten sind, mißtrauen sie, sie sind des Betens müde geworden, ihr Eifer erlahmt. Würden solche Menschen zunächst einen Blick auf sich selbst werfen und danach streben, ihre Gebete zu Gott nach Christi, unseres Herrn, Willen und Weisung mit den entsprechenden Tugenden zu unterbauen! Sind sie aber wirklich im Besitz dieser Tugenden, dann mögen sie überdenken, wie unwürdig und unrecht es ist, Gott Zeit und Art der Hilfe zu diktieren. Gott schuldet uns fürwahr nichts, und wenn er das Gebet erhört und "unsere Verdienste krönt, so krönt er eigentlich nichts anderes als seine eigenen Gaben". Wenn er sich jedoch unseren Bitten verschließt, handelt er dennoch als gütiger Vater, der mit dem Unverstand seiner Kinder Nachsicht übt und auf ihren Nutzen weiterhin bedacht ist.
Manche Gebete nimmt Gott gütig an und erhört sie, zum Beispiel, wenn wir seine Gnade für die Kirche erflehen in Vereinigung mit den Fürbitten der Heiligen des Himmels, kniefällig zu ihm rufen und besonders dann, wenn es sich um die erhabensten und unvergänglichen Güter der Kirche handelt. Auch das Gebet um geringere zeitliche Güter erhört Gott, wenn sie dem Ewigen nützlich sind. Ein solches Gebet findet stets das Wohlgefallen Christi, unseres Herrn. Er veleiht diesem Gebet wirkungsvolle Kraft durch sein eigenes Gebet und seine Verdienste. "Er hat die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben, um sie zu heiligen... Herrlich wollte er die Kirche für sich selbt darstellen." Er selbst ist ja ihr "Hoherpriester, heilig, unschuldig, immerdar lebend, um als Fürsprecher für sie einzutreten". Es ist aber eine Glaubenswahrhaft, daß sein Beten und Flehen immer erfolgreich ist.
Wir sprachen von den äußeren und zeitlichen Gütern der Kirche. Es ist zu bedenken, daß dieKirche es oft mit Gegnern zu tun hat, deren üble Gesinnung und deren Machtmittel alles in den Schatten stellen. Es ist für die Kirche sehr schmerzlich, daß ihre Feinde ihr die Hilfsmittel geraubt haben, ihre Freiheit eingeschränkt und unterjocht, ihr Ansehen schwer geschädigt, kurz gesagt, ihr viele Nachteile bösartig zugefügt haben. Erforscht man den Grund, weshalb solche Feindseligkeiten nicht ihren erstrebten Zweck erreichten und sich gänzlich verwirklichen ließen, fragt man ferner, weshalb die Kirche nach so vielen geschichtlichen Umwälzungen und Schicksalsschlägen stets gleich groß und herrlich, wenn auch jedesmal in anderer Weise, vor uns steht und sich trotz allem immer mehr ausbreitet, so findet man die rechte Antwort, wenn man den gewichtigen Grund dieser beiden Erscheinungen in der Kraft des Bitttgebetes der Kirche zu Gott sieht. Menschliche Vernunftbetrachtungen können nicht restlos aufklären, wie ein so groß gestartetes, nichtswürdiges Unternehmen sich nur auf enge Grenzen beschränken muß, wo hingegen die Kirche, obwohl in die Enge getrieben, jedesmal so herrlich triumphiert. Diese Tatsache zeigt sich besonders auf jenem Gebiet, auf dem die Kirche den Menschen zur Erlangung ihres letzten Zieles hilfreich beisteht. Da dies ihre erste Aufgabe ist, vermag sie darin besonders viel durch ihr Gebet, damit wenigstens diese Ordnung der Vorsehung Gottes und ihrer Barmherzigkeit gegen die Menschen vollen Erfolg habe. So ist auch zu erklären, warum das Gebet mit der Kirche und durch die Kirche Erhörung findet und warum wir Menschen dasjenige erhalten, was der "allmächtige Gott von Ewigkeit her beschlossen hat, uns zu geben".
VIII. Gebet und Opfer
Die Schärfe des menschlichen Verstandes reicht auf Erden nicht aus, um die tiefen Gedanken der göttlichen Vorsehung zu erfassen. Einmal wird die Zeit kommen, da Gott selbst in seiner Güte in all diese Geschehnisse, ihre Ursachen und Folgen Einblick gewährt. Dann wird ganz wahr sein, welch mächtigen Einfluß das Gebet hatte und wie es seine Erhörung bewirkte. Der Grund für diese Wirksamkeit wird dann offen zutage treten, da viele sich inmitten großer Verderbnis einer entarteten Zeit unverdorben und rein erhalten haben "von jeder Befleckung des Fleisches und des Geistes, indem sie die Heiligkeit in der Furcht Gottes vollendeten". Alsdann wird man erkennen, wie viele bereits am Rande des Lasters standen, sich dann aber plötzlich noch zu beherrschen wußten und gerade darum in der Gefahr und Versuchung an Tugend wuchsen. Auch wird ersichtlich werden, wie andere, die der Sünde verfallen waren, innerlich nicht Ruhe fanden, bis sie sich wieder aufgerichtet und sich in die Arme des erbarmenden Gottes warfen.
Diese Gründe veranlaßten Uns, alle dringend zu bitten und zu beschwören, den Verlockungskünsten des alten Feindes nicht zu folgen und aus gar keinem Grunde das Gebet zu unterlassen, vielmehr "ohne Unterlaß" darin beständig auszuharren. Erstes Anliegen und höchstes Ziel der Gläubigen soll es sein, das ewige Heil aller und den glücklichen Bestand der Kirche zu erbitten. An zweiter Stelle ist es durchaus erlaubt, auch andere Güter, die dem Leben nützlich sind und es lebenswert machen, von Gott zu erflehen, falls dies seinem Willen entspricht, der nur das Beste will. Ob Gott das Gewünschte gewährt oder verweigert, sicherlich müssen wir ihm, dem überaus gütigen Vater, danken. Die Menschen sollten sich stets mit der allergrößten und gebührenden schuldigen Ehrfurcht, mit kindlicher Hingabe an Gott wenden nach dem Vorbild der Heiligen und vor allem unseres Heilandes und Meisters selbst, der "mit lautem Rufen und unter Tränen" gebetet hat.
Unser Amt und Unsere väterliche Liebe fordern, daß Wir allen Kindern der Kirche den Geist des Gebetes sowie den Geist heiliger Bußfertigkeit von Gott, dem Geber alles Guten, erflehen. Aus ganzem Herzen wollen Wir das tun. Wir fordern alle und jeden einzelnlen auf zu dieser Buße, die mit der Tugend der Frömmigkeit und des Gebetes so eng verknüpft ist. Das Gebet bewirkt nämlich, daß wir seelisch aufgerichtet, zu entschlossenen Taten befähigt, zu Gott erhoben werden. Die Buße bewirkt, daß wir selbst Maß halten und den Leib beherrschen, der durch den Sündenfall zum bösen Feind gegen den höheren Geist und das Gesetz des Evangeliums geworden ist. Es ist nicht neu, wenn Wir behaupten, daß gerade diese beiden Tugenden aufs engste miteinander verbunden sind. Sie unterstützen sich gegenseitig und verfolgen gemeinsam das gleiche Ziel, nämlich den Menschen, der für den Himmel bestimmt ist, von den vergänglichen Gütern abzuziehen und ihn zu einem fast himmlischen Verkehr mit Gott zu erheben. Brennt aber die Seele vor Begierlichkeit, ist sie sinnlichen Reizen gegenüber schwach, dann empfindet man nur Ekel und Verdruß an der Schönheit jener himmlischen Welt. Das Gebet, das aus solch leeren Herzen emporsteigt, ist wie eine Kältewelle, verklingender Schall, unwert, erhört zu werden.
IX. Die Heiligen geben uns ein Beispiel
Wieder ruht Unser Blick auf den Bußbeispielen der Heiligen. Wir lesen im Kalendarium der Kirche, daß ihr Bitten und Flehen so sehr Gottes Wohlgefallen fand, daß er sie durch Wunder auszeichnete. Niemals verloren sie die Herrschaft über ihren Leib, über ihr Herz mit seinen Gelüsten. Restlos befolgten sie die Lehre Chrisi und die Vorschriften der Kirche in demütiger Unterwerfung. Gottes Wille, den sie zu erforschen suchten, war Maß ihrer Neigung und Abneigung. Ihr Handeln war ausgerichet einzig auf die größere Ehre Gottes. Ihre Begierlichkeit bezwangen sie und hielten sie streng in Schach. Hart und schonungslos verfuhren sie mit ihrem Körper. Sie nahmen sogar von unschuldigen Freuden Abstand um der Tugend willen. Mit Fug und Recht konnten sie daher das Wort des Apostels Paulus auf sich anwenden: "Unser Wandel ist im Himmel." Das ist der Grund, weshalb ihre Bittgebete so große Kraft besaßen und bei Gott Versöhnung und Erhörung erlangten.
Es ist einleuchtend, daß solche Buße nicht jeder zu leisten vermag und daß nicht ein jeder dazu verpflichtet werden kann. Daß aber jeder durch entsprechende Abtötung sein Leben und Verhalten bessere, das verlangt die göttliche Gerechtigkeit, der wir unter allen Umständen genugtun müssen für unsere Vergehen bis zum letzten. Ist es nicht besser, freiwillige Buße zu leisten während des Lebens, da für solche Tugend sogar noch Belohnung verheißen wird? Dazu kommt unsere lebendige Verbundenheit mit dem geheimnisvollen Leib Christi, der die Kirche ist. Der heilige Paulus schlußfolgert daraus: Freut sich ein Glied über etwas, dann freuen sich alle anderen mit. So verhält es sich auch mit der Trauer des einen, die die andern mittrauern, das heißt, die christlichen Brüder sollen den an Leib und Seele Kranken von selbst zu Hilfe kommen, so viel in ihren Kräften steht, ihnen Heilung bringen: "Die Glieder sollen füreinander sorgen. Wenn ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit; wenn ein Glied verherrlicht wird, freuen sich alle Glieder mit; ihr aber seid der Leib Christi, Glied um Glied." Darin besteht das höchste Ideal nach dem Beispiel Christi, Sühne zu leisten für die Sünden der Mitmenschen. In unermeßlicher Liebe hat Christus sein Leben zur Tilgung unserer Sünden geopfert. Darin besteht jenes starke Band der Vollkommenheit, das die Gläubigen untereinander und mit den Seligen des Himmels sowie auch mit Gott aufs engste verbindet.
Kurz gesagt, die eifrige Übung und Betätigung der Buße ist so mannigfaltig und erstreckt sich auf so viele Gebiete, daß jeder, der Sinn dafür hat und wenn er wirkich will, überall Gelegenheit findet dazu, ohne sich übermäßig anzustrengen.
X. Der Erfolg des Betens
Übrigens versprechen Wir Uns, ehrwürdige Brüder, in Anbetracht Eurer hohen und großen Verehrung der heiligen Gottesmutter sowie auf Grund Eurer Liebe und klugen Sorgfalt für die christliche Herde den schönsten Erfolg Unserer aufmunternden Ermahnung, so Ihr tatkräftig das Eure hinzufügt. Heute schon freuen Wir Uns, wenn Wir an die Früchte denken, die schon mehr als einmal diese Liebe der Katholiken zu Maria gezeitigt hat. Möge diese reiche Fülle, wegen der Wir Uns im voraus freuen, den früheren Beweisen der Liebe ebenbürtig sein! Die Gläubigen mögen Eurem Ruf, EurerAufforderung und Eurem Beispiel Folge leisten, sich besonders im kommenden Monat um den festlichen Altar der Himmlskönigin und Mutter der Barmherziigkeit scharen und ihr im Rosenkranz, den sie so sehr liebhat, nach Kinderart geheimnisvolle Kränze winden und zum Geschenk reichen. Wir aber verfügen, daß die von Uns früher erlassenen Bestimmungen und bewilligten Gnaden und Ablässe uneingeschränkte Geltung haben. Wie schön und segensreich wird es sein, wenn in Stadt und Land, zu Hause, zu Wasser und zu Land, soweit der katholische Erdkreis reicht, viele Hunderttausend fromme Seelen mit vereintem Lobpreis in festgeschlossener Gemeinschaft zu jeder Stunde Maria grüßen, sie anrufen und all ihre Hoffnung auf Maria setzen. Wir wollen sie vertrauensvoll bestürmen, daß durch ihres Sohnes Erbarmen die in die Irre gegangenen Völker zu den christlichen Wahrheiten und Lebensgrundsätzen heimkehren. Nur darin beruht die Grundlage des öffentlichen Lebens, und nur auf dieser christlichen Grundlag erblüht der ersehnte Friede in Fülle und das wahre Glück. Noch inbrünstiger aber wollen wir in unseren Bitten Maria bestürmen für unsere Mutter, die Kirche, damit die Wünsche aller Gutgesinnten endlich in Erfüllung gehen, die Kirche ihre Freiheit zurückerhält und ferner nicht mehr von den Stürmen der Zeit beunruhigt wird. Diese Freiheit dient der Kirche nur zu dem Zweck, die höchsten Anliegen der Menschen zu fördern. Den einzelnen sowie den Staaten erwächst niemals ein Nachteil durch die Kirche, sondern immer nur zahlreiche und große Vorteile.
Gott möge Euch, ehrwürdige Brüder, auf die Bitten der Königin des heiligen Rosenkranzes die Gaben der himmlischen Güter verleihen, damit Euch dadurch von Tag zu Tag mehr Hilfe und Kraft verliehen werde zur gewissenhaften Erfüllung Eurer Hirtenpflichten. Ein glückliches Vorzeichen und Unterpfand zugleich sei Euch der Apostolische Segen, den Wir Euch selbst, Eurem Klerus und jedem einzelnen der Eurer Sorge anvertrauten Herde in aller Liebe spenden.
Gegeben zu Rom bei Sankt Peter, am 22. September des Jahres 1891, im vierzehnten Jahre Unsrees Pontifikates.
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Transkription P.O. Schenker, © by Immaculata-Verlag, CH-9050 Appenzell