DEUTSCHE TOTENVESPER

Erster Psalm

Gerechter Gott! vor Dein Gericht muß alle Welt sich stellen,
Du wirst vor aller Angesicht auch mir mein Urteil fällen.
Du siehst von Deinem hohen Thron auf alle Menschenkinder,
Bestimmest jedem seinen Lohn, dem Frommen wie dem Sünder.
Viel hängt vom frommen Tode ab, noch mehr vom frommen Leben;
Dies soll mein Herz bei jedem Grab mit Macht zu Gott erheben,
Daß ich nach seinem Willen nur viel Gut's im Leben tue,
Damit als fromme Kreatur ich geh' zu Gottes Ruhe.
Gott, schenke deine Gnade mir, verzeih' mir meine Sünden,
Leit' meine Schritte hin zu Dir, daß ich das Heil mög' finden!
Ich bitte auch nach meiner Pflicht für die verstorb'nen Brüder:
Wend' ihnen zu Dein Angesicht, sieh' gnädig auf sie nieder!
Erleichtere ihr hartes Los, lös' gnädig ihre Bande!
Für die das Blut des Heilands floß, führ' aus dem Leidenslande!
Führ' sie zur ew'gen Wonne hin, die liebreich Du verheißen,
Damit sie dich mit frommem Sinn als guten Vater preisen!
Das Flehen frommer Betenden nimm auf mit Wohlgefallen,
Und stärke, Herr, die Scheidenden, die heim zur Ruhe wallen!
Leit' uns auch alle gnädig, Herr, auf dunklem Todespfade!
Führ' uns zu Dir, Barmherziger, nach Deinem weisen Rate!
Führ' mild uns durch des Grabes Nacht zum sel'gen Himmelsleben!
Erhöhe uns durch Deine Macht zum Heil, nach dem wir streben!
Laß keine Seel' zu Grunde gehen, die Deine Macht erschaffen!
Laß alle sie Dein Heil einst seh'n, wend' ab der Sünde Strafen!
Gib mir und allen ew'ge Ruh', führ' alle einst dem Himmel zu!

 

Zweiter Psalm

Dem Menschen ist gesetzt, einmal zu sterben,
die Sünde bracht dem Menschen dies Verderben.
Und keiner ist, dem nicht die Stunde schlägt,
wo man als Leiche ihn zu Grabe trägt.
Nichts schützt vor'm Tod; nicht Geld, nicht Wissenschaft
hat je vor'm Tod den Freiheitsbrief verschafft.
Er raffet hin die Guten wie die Bösen:
nichts kann von seiner Herrschaft uns erlösen.
Uns bleibt von aller Lebensherrlichkeit
Nichts als ein Sarg und auch ein Sterbekleid;
Doch diese selbst zerfallen noch zu Staub,
Und werden bald auch der Verwesung Raub.
Gewiß, die letzte Sterbestunde naht,
Doch weiß man nicht, ob frühe oder spat.
Auch nicht die Stunde, nicht der Tag, noch Jahr
Wird eines Menschen Forschen offenbar.
Selbst auch der Ort, wo uns des Todes Hand
Zum Grabe niederstreckt, bleibt unbekannt.
Und überall schleicht gleich dem Dieb bei Nacht
Der Tod herum, und übet seine Macht.
Und weißt du, Mensch, die eig'ne Todesart,
Die deiner da und dort verborgen harrt?
Ob Krankheit, Wasser, Feuer oder Schwert
Einst noch dein teures Leben hier zerstört?
Nur das steht in des Menschen Sinn und Macht,
Ob man als Sünder ihn zu Grabe tragt,
Ob er gerecht als Gottes Kind einst stirbt,
Das dort durch Gott die Seligkeit erwirbt:
Dies nur hängt von des Menschen Willen ab,
Das Übrige ist Gottes Werk und Gab',
Der Leben gibt und Tod, belohnt und straft,
Dem Menschen einzig Leid und Freud' verschafft.
O Gott, in dessen Hand steht mein Geschick,
Sieh' doch auf mich mit sanftem Vaterblick!
Zu Dir allein steht hier mein ganz Vertrau'n,
Du werdest väterlich mein Glück noch bau'n.
Beschütze mich vor einem jähen Tod!
Stärk' mich, wenn meiner Seel' Verführung droht.
Erhalte fest mich auf der Tugend Bahn,
Führ' liebreich mich zu allem Guten an!
O Herr, drück' selbst das Bild des Tod's mir ein,
Daß ich im Leben nie vergesse sein!
Dir, Herr und Gott, all meine Tage weih'n,
Macht einzig, daß ich nicht den Tod darf scheu'n.
Gib mir und allen ew'ge Ruh,
Führ' alle einst dem Himmel zu!

 

Dritter Psalm

Dir bringe meine Seel', o Gott, Preis, Dank und Ehre bis zum Tod!
Ja, Deiner Macht und Gütigkeit sei Lob und Ruhm in Ewigkeit!
Zwar schufst Du meinen Leib aus Staub, daß er sei der Verwesung Raub;
Die Seel' jedoch schufst Du zur Freud' für eine ganze Ewigkeit,
Du öffnetest den Himmel ihr, führst nach dem Tode sie zu Dir.
Dein Will' ist, daß sie selig werde nach kurzem Leben auf der Erde;
D'rum sandtest Du selbst Deinen Sohn zum Heile uns vom Himmelsthron'.
Er hat zerstört der Hölle Macht, hat durch Erlösung Heil gebracht,
Ging siegreich aus dem Grab hervor, fuhr glorreich in Sein Reich empor,
Gab Leben uns durch Seinen Tod, führt Fromme mit Sich hin zu Gott;
Er hat gesiegt, Sein Sieg ist mein, Sein soll nun auch mein Leben sein.
Wird gleich mein Leib des Todes Raub, mich tröstet dess' mein Christenglaub',
Er wird auch wieder aufersteh'n und neu belebt das Heil noch seh'n.
Ich werd' in Gottes Himmelreich unsterblich - Gottes Engeln gleich.
Ist gleich der Weg zum Heile steil, wird mir doch Himmelslust zuteil.
O was sind Leiden dieser Zeit doch gegen Himmels-Herrlichkeit!
Ich trage gerne jedes Leid für jene Himmels-Seligkeit!
Ich kämpfe gegen Sünde gern, folg gern dem Worte meines Herrn;
Denn Tugend nur bringt Himmelsglück, die Sünde stößt vom Herrn zurück.
Nur Fromme geh'n zum Himmel ein, den Sündern wird nur Höllenpein;
Sie, die den Herrn verstoßen, sind nie des Herrn Genossen. _
Kürz' gleichwohl, Herr, mein Leben ab, ich fürchte nicht das düst're Grab:
Der Weg durch's Grab führt mich zu Gott, wo schwindet Gram und Schmerz und Not.
Teil', Gott, das Glück, um das ich bitt', auch allen Abgeschied'nen mit,
Die in dem Herrn entschlafen sind, doch büßen noch für ihre Sünd'.
Gib mir und allen ew'ge Ruh', führ' alle einst dem Himmel zu!

 


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